03.08.2018

Übers Wegfahren und Heimkommen


BLOG
Autor — Susi Mayer



Im Urlaub haben wir Zeit zum Genießen, einen freien Geist und Lust auf Neues. Woher kommt eigentlich das "Urlaubs-Feeling", was macht es mit uns und wie nehmen wir uns bewusste Sinneseindrücke und ein Stück Abenteuer mit nach Hause?

Das Sakko noch schnell in die Reinigung, danach die Karotten für das Curry am Abend kaufen und - aarggh - es ist ja Donnerstag, heute wieder mal ins Fitnesscenter, damit man am Strand eher Popeye gleicht als einem Barbapapa. Unser Alltag ist durchgetaktet. Tage vergehen schnell, sind voller Eindrücke und ohne Erinnerungen. Wer kein Tagebuch schreibt, weiß in der nächsten Woche schon nicht mehr, was er in der letzten angestellt hat. Wir haben Verpflichtungen, To-do-Listen, Hobbies, und wir haben vor allem eins: Routinen.

Hektik im Alltag

Diese geben Halt und Orientierung, führen uns durchs Leben, damit wir nicht jeden Tag nachdenken müssen, in welchen Autobus wir steigen sollen oder wo eigentlich die Cornflakes schon wieder stehen. Wir hasten von Meeting zu Meeting, vom After-Work-Drink zur Podiumsdiskussion und nehmen unsere Umgebung kaum mehr wahr.

Und plötzlich beginnt der Urlaub. Du nimmst deinen Koffer, machst dich auf den Weg. Und auf einmal haben deine Tage wieder Länge und Tiefe. Das Essen bekommt einen intensiveren Geschmack, fremde Akzente und Dialekte klingen melodisch durch enge Steingassen, jede noch so winzige Kathedrale wird von innen inspiziert. Staunend nimmst du Fresken an der Decke und Marmorstrukturen am Boden wahr, obwohl du Stift Melk nur von der Autobahn kennst und den Stephansplatz maximal als Umsteigestation der U3 touchierst.

Du fühlst dich frei, vergisst langsam deine Bürosorgen und deine Laktose-Unverträglichkeit und tauchst ein in eine Welt der Farben und Sinneseindrücke, die du daheim gar nicht wahrnimmst.

Touristin im Urlaub

Warum gelingt es uns im Urlaub so gut, die schönen Kleinigkeiten wahrzunehmen, und was hält uns davon ab, das auch daheim zu tun? Eine Erklärung sind wohl eben genannte Routinen oder geschlossenen Systeme, in denen wir uns Tag für Tag bewegen. Diese bieten zwar Halt, funktionieren aber gleichzeitig auch wie Scheuklappen, um uns vor allzu vielen neuen Eindrücken zu "schützen". Dabei sind es die neuen Eindrücke, die uns weiterbringen. Die uns zum Denken anregen, uns inspirieren und Emotionen auslösen, die wir in unserem Alltag kaum wahrnehmen.

Wie das langsame Dahinrattern eines Pendlerzugs im tiefsten Umbrien. Hügel und Felder machen die Region zum grünen Herzen Italiens. Farbnuancen streichen über deine Netzhaut, jeder Baum wirkt wie ein Kunstwerk, mit hastigen Pinselstrichen ins Landschaftsportrait gewischt.
Mit langsamen Schritten und freundlichem Lächeln kontrolliert ein Zugbegleiter, aber nicht allzu genau. Du hättest laut Ticket eigentlich schon vor drei Stationen aussteigen sollen. Daheim würdest du mit verknoteten Händen unruhig auf deinem Sitz hin und her rutschen und nervös werden. Im Urlaub aber denkst du dir gelassen "Was soll schon passieren?".

Zu dieser Gelassenheit verhilft uns auch die Sprachbarriere. Ein Konflikt in einer fremden Sprache fühlt sich nie so unangenehm an wie in der Muttersprache. Wir verstehen nicht alle Nuancen einer Rüge und somit trifft sie uns weniger hart. Im besten Fall lernen wir sogar eloquent noch ein paar unschmeichelhafte Ausdrücke dazu, die wir zufrieden ins geistige Vokabelheft eintragen, um für die nächste Drängel-Attacke im italienischen Straßenverkehr gerüstet zu sein.

Auch die Langsamkeit des Reisens macht etwas mit uns. Das ausgedehnte Frühstück am Morgen, das Mäandern durch neue Straßen, ganz ohne Ziel und Hektik. Wir sind aufnahmefähiger, geben unseren Sinnen die Zeit, die sie brauchen, um Eindrücke wirklich zu verarbeiten. An dieser Stelle fragt sich, wie man das Gefühl "Urlaub" auch in den eigenen Alltag integrieren kann. Wie man sich auch daheim ein Stück von der Fülle an Sinneseindrücken bewahren kann, um dem Trott zu entkommen und Herz und Hirn etwas Gutes zu tun.

Stadterkundung

Die Antwort ist mittlerweile so bekannt, wie sie alt ist: Innehalten und im Moment leben. Die Stadt mit offenen Augen statt mit vom Smartphone verklebten Synapsen zu erleben. Das Gras unter den Fußsohlen spüren statt schnell weiterzuhasten. Und sich auch mal auf diese Karotte zu konzentrieren, die gleich ihren Weg ins Curry findet. Wem das zu esoterisch anmutet (auch mir will das Wort Mindfulness an dieser Stelle nicht aus den Fingerspitzen purzeln), der probiere es mit: Konzentriere dich darauf, was jetzt in diesem Moment gerade physisch um dich passiert.

Nach einem längeren Aufenthalt in einer fremden Stadt oder Umgebung kommen wir oft etwas wehmütig zurück. Die Auszeit hat so gutgetan und der Alltagstrott steht wieder vor der Tür. Aber jedes Heimkommen ist auch eine Möglichkeit, der bekannten Umgebung seine unbekannten Facetten zu entlocken. Mit neuer Inspiration lassen sich auch wieder neue Ecken und Kanten des Heimatorts erkunden. Uns ist plötzlich auch wieder ein wenig klarer, wohin uns unsere Leidenschaften eigentlich ziehen. Ein wenig Abstand vom üblichen Trubel ist notwendig, um uns wieder mit unserem Inneren zu verbinden. Damit wir auch daheim endlich wieder einmal den Blick heben und draufkommen - dieser Loos hat sich in Wien schon an ein paar merkwürdigen Ideen ausgesponnen. Die Durchhäuser von Salzburg gibt's sonst auch nirgends. Und welche andere Stadt liegt eigentlich noch so wild-romantisch am Fuße der Nordkette wie Innsbruck, mit einem Panorama, dass einem die Luft wegbleibt?

Nehmen wir uns also etwas vom Travel Spirit mit nach Hause. Lassen wir Reisen und Urlaube nachwirken und behalten wir uns unsere kindliche Neugier, die Freude an der Natur und das intensive Spüren mit allen Sinnen ein wenig länger. Dann klappt's auch mit der Karotte.