10.08.2018

Prost, Mahlzeit und Na zdraví


SLOW FOOD
Autor — Janina Lebiszczak



Das Triell der Giganten: Deutschland - Österreich - Tschechien. Wer kann Bier am besten?

Spoiler-Alarm vorab: Ein "bestes Bier" - das gibt es nicht. Allenfalls beste Vertreter eines Stils, wie sie bei Wettbewerbs-Verkostungen ermittelt werden. Das ahnten wir, das weiß Conrad Seidl (Anmerkung der Redaktion: kein Künstlername) nur allzu genau. Seit fast 20 Jahren hilft Österreichs "Bierpapst" durstigen Menschen, die besten Lokale und Brauereien zu finden - und natürlich: die richtigen Biere.

Im Sommergespräch bei einem - no na net - frisch gezapften Hopfenkracherl verriet er uns, dass die Frage, ob die Österreicher, die Deutschen oder die Tschechen am besten mit Hopfen und Malz umgehen können, sogar Freundschaften entzweien kann: "Als Juror beim World Beer Cup weiß ich: Da kann man trefflich streiten! Die persönlichen Präferenzen spielen eine sehr große Rolle." Ein Einwand, den auch unser zweiter Experte, der bekannte Gastronomiekritiker Florian Holzer, bestätigen kann: "Allein in Österreich gibt es 300 Brauereien, jede macht anderes Bier."

Aber entmutigen ließen wir uns von den Prognosen der beiden Auskenner nicht. Und sind mit ihnen zumindest in Gedanken durch Österreich, Deutschland und Tschechien gereist, um zu ermitteln, wo das Bier am besten zischt.

Deutschland

Was ist los mit den Marmeladingern? Wir meinen da nicht nur die Sache mit der WM heuer, sondern: Die Deutschen trinken immer weniger Bier! 2017 sogar ein Viertel weniger als kurz nach der Wiedervereinigung. Da hilft nicht mal das berühmte Reinheitsgebot etwas - Wasser, Hopfen, Malz, Hefe, sonst nichts -, im Gegenteil: Es ist in Zeiten des Kreativbier-Booms eher ein Handicap und führt dazu, dass die Brauer ihre beliebten Sonderlinge außerhalb der Grenzen produzieren müssen. Zeit für gelebte Nachbarschaftshilfe - ob in Berlin oder Köln, ob bei den Friesen oder den Bayern, ob herb oder süffig - die Unterschiedlichkeiten der Germanen kann man gut an ihrem bevorzugten Bierchen erkennen.

Das würde die Redaktion gerade am liebsten trinken:

Oktoberfest-Maß oder Karnevals-Kölsch? Nein, nicht in unserem Fall, denn wir sind verliebt in Hamburg. Das Salz in der Nase, eine frische Brise im Haar, weltoffenes Flair und lecker Fischbrötchen bis zum Abwinken, z. B. in der "Brücke 10" an den Landungsbrücken mit Elbblick. Dazu passt: Astra Urtyp. Herb, aber liebenswert wie die Norddeutschen. Nicht umsonst Kult. Moin Moin.

Das würden die Experten gerade am liebsten trinken:

Seidl: Ein Bayreuther Helles.
Holzer: Düsseldorfer Altbier, speziell das "Uerige", in einer grandios alten Anlage mitten in der Stadt gebraut und in Fässern gereift.

Tschechisches Bier

Tschechien

Hier ist Bier Nationalgetränk und Lebensmittel in einem, allerdings trinkt man dort schwächeren und süffigeren Gerstensaft als bei uns. Mit 143 Litern je Einwohner - Kinder und Anti-Alkoholiker inklusive - liegt Tschechien an der Weltspitze beim Konsum. Worüber sich nicht nur Harry Potter-Fans freuen (Stichwort "Butterbier"): Das berühmte Pilsner Urquell hat einen charakteristischen Duft nach Butter, der in deutschen und österreichischen Pilsbieren als technischer Fehler interpretiert werden würde. Daher wurde in Wettbewerben die Stilkategorie "Bohemian Style Pilsner" geschaffen. So viel zum Insider-Wissen. Rein subjektiv haben die Tschechen es einfach drauf, das Brauen. Dabei hilft der eigene Hopfen aus Saaz und Tischitz.

Das würde die Redaktion gerade am liebsten trinken:

Machen wir es uns im Café Slavia in Prag bequem: Vom Tisch aus kann man den Ausblick auf die Moldau und die Burg genießen oder das Art-Deco-Ambiente und das Jugendstilgemälde "Der Absinthtrinker" bewundern. Dichterpräsident Václav Havel saß hier zu Lebzeiten hinten links am Fenster und rauchte eine nach der anderen. Vor uns steht ein dunkles Bier mit viel Geschichte: Kozel Cerný. Immerhin spielt es im "Der brave Soldat Schweijk" eine wichtige Rolle. Erst freut sich die Nase über sanftes Malz-Aroma, dann das Auge über den elfenbeinfarbenen Schaum, die Zunge meint ein wenig Kaffee und dunkle Schokolade zu erahnen. Herrlich.

Das würden die Experten gerade am liebsten trinken:

Seidl: Pilsner Urquell aus Böhmen.
Holzer: Eines der kleinen Regionalbrauereien wie Bernard in Humpolec, Jezek, Litovel, Cerna Hora.

Österreichisches Bier

Österreich

Kreativ sind wir - und experimentierfreudig: Einerseits gehört der Markt zum großen Teil den Big Playern, andererseits gibt´s noch immer reichlich mittelständische Regional- und Kleinbrauereien. Dazu kommt die explodierende Szene von Mini-Craftbeer-Brauern, sie rundet ein irrwitzig großes Spektrum an Genussmöglichkeiten für unser kleines Land ab. Der Boom hat mittlerweile auch die Großen erreicht: Stiegl etwa punktet mit "Wildshut", Ottakringer sprang mit "Brauwerk" auf den Zug auf. Abgesehen davon ist unser Bier nicht deppat, aber das wissen nur Mundl-Fans und echte Wiener, die nicht untergehen.

Das würde die Redaktion gerade am liebsten trinken:

Sehr lebendiges Craftbeer kommt aus der buckligen Welt und heißt Wolfsbräu: Unbehandeltes Wasser aus der Thernberger Ortsquelle verleiht ihm einen frischen Geschmack, verwendet werden nur heimische Rohstoffe wie Gerstenmalze aus Grießkirchen und Biohopfensorten aus dem Mühlviertel. Das Bier wird liebevoll in der 9. Generation eines Familienbetriebs in Thernberg produziert, das schmeckt man: es macht einfach glücklich. Besonders am Pool des Linsberg Asia. Fernost trifft Bucklige Welt - ungewöhnlich wie das Wolfbräu.

Das würden die Experten gerade am liebsten trinken:

Seidl: Schwechater Zwickl.
Holzer: Ich mag die Regionalisten, speziell das Innviertel: Uttendorfer Pils, Schnaitl Pils de Luxe und Wenzl-Bräu.

 

Und wo schmeckt das Bier nun am Besten?

Aus dem Bauch heraus - und nur dort kann eine solche Entscheidung getroffen werden - sagen wir: In Tschechien. Und natürlich dort, wo dich deine nächste Reise hinbringt. Aber da der Weg ja bekanntlich das Ziel ist: Im Bord-Restaurant der ÖBB gibt es frisches Gösser, Puntigamer und Heineken, perfekt gekühlt.

 
 
 
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