20.09.2015

Steiner und Sanntaler Alpen: Terra incognita fast vor der Haustür


ACTIVE
Text — Peter Backé



Als ferne Kalkgipfel am südlichen Horizont so kennen die meisten Wanderer und Bergsteiger aus Österreich die Steiner und Sanntaler Alpen. Denn bei guter Fernsicht ist die Silhouette dieser überwiegend in Slowenien, zu einem kleinen Teil aber auch in Österreich gelegenen Berggruppe am Südostrand der Alpen von vielen heimischen Bergen aus bestens zu erkennen.

Sieht man von einigen Wanderern aus Kärnten ab, so erhalten die Steiner und Sanntaler Alpen kaum Besuch von österreichischen Bergfreunden. Zu Unrecht! Denn diese Berggruppe kann mit spektakulären Felsszenerien, viel unberührter Natur und etlichen sehr gastlichen Berghütten aufwarten. Ihre Tierwelt ist sehenswert; man trifft man auf Steinböcke, Murmeltiere, Greifvögel, Alpen- und in tieferen Lagen auch Feuersalamander. Noch bemerkenswerter ist die Alpenflora, viele seltene Pflanzenarten sind hier und oft nur hier beheimatet. Zahlreiche Klettersteige verschiedener Schwierigkeitsstufen warten auf die Bergsteiger, vom relativ einfachen Felsenweg bis hin zur rassigen Ferrata. Geschickt nutzen die Steige die kleinräumigen Schwachstellen der Flanken, Wände und Grate aus, so dass auch Passagen, die vom Tal aus besehen als kaum durchsteigbar erscheinen, überraschend problemlos bewältigt werden können. Unterschätzen sollte man diese Steige dennoch nicht: Ihre Begehung erfordert Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Gewandtheit im Felsgelände. Auch für Wanderer gibt es hier etliche Tourenmöglichkeiten in mittleren und höheren Lagen. Selbst der höchste Gipfel der Gruppe, der Grintovec (2558m), lässt sich von Süden aus über die Cojzova ko?a (Hütte am Kanker Sattel) ohne Klettereinlage besteigen. Besonders gut lassen sich die Steiner und Sanntaler Alpen bei einer Durchquerung ihrer zentralen Gruppe, der Grintovci-Berge, kennenlernen. Ein imposanter Kalkgipfel reiht sich hier an den anderen, vom der Ko?na im Westen über den mächtigen Grintovec bis zur eleganten Ojstrica im Osten. Für diese Überschreitung auf Wanderwegen und mäßig schwierigen Klettersteigen sollte man sich vier bis fünf Tage Zeit nehmen (samt An- und Abreise). Ambitionierte Bergsteiger können zusätzlich den einen oder anderen besonders rassigen Felsenweg in die Tour einbauen. Wer es lieber gemütlicher angeht, wandert an der Nordseite der Grintovci-Gruppe unter imposanten Felswänden entlang, dann über den Seeländer und den Sanntaler Sattel ins Logarska dolina (Logartal) hinüber oder steigt über die weniger steile Südseite der Berggruppe in die alpinen Regionen auf. Diese reinen Wandervarianten lassen sich in drei bis vier Tagen absolvieren. Die Anreise aus Österreich in die Steiner und Sanntaler Alpen erfolgt über Graz oder Villach. Mit dem Zug fährt man bis Kranj (Krain) oder Celje (Cilli), dann weiter mit dem Autobus nach Jezersko (Seeland) bzw. ins Logartal. Außerdem kann man die Berggruppe über Ljubljana (Laibach) auch von Süden her erreichen.

Erkundet man die Steiner Alpen von Süden aus, so führt die Anreise unweigerlich über Ljubljana: Die sehenswerte Altstadt mit ihrem südlichen Flair lädt zu einem Zwischenstopp ein, der gut und gerne auch etwas länger ausfallen kann © Peter Backé Erkundet man die Steiner Alpen von Süden aus, so führt die Anreise unweigerlich über Ljubljana: Die sehenswerte Altstadt mit ihrem südlichen Flair lädt zu einem Zwischenstopp ein, der gut und gerne auch etwas länger ausfallen kann © Peter Backé



Mitten durch die slowenische Hauptstadt fließt die Ljubljanica, Uferpromenaden laden zum Flanieren ein © Peter Backé Mitten durch die slowenische Hauptstadt fließt die Ljubljanica, Uferpromenaden laden zum Flanieren ein © Peter Backé

Von der slowenischen Hauptstadt erfolgt die weitere Zufahrt per Zug oder Bus nach Kamnik (Stein). Von dort verkehren Busse zu den Ausgangspunkten der Wanderungen und Bergtouren nach Stahovica (Velika Planina) bzw. Kamni ka bistrica (Grintovci-Gruppe).

Der Bahnhof Kamnik mesto mit dem Trutzturm Na Turnu, der im 15. Jahrhundert erbaut wurde und der Bevölkerung als Zufluchtsort diente © Peter Backé Der Bahnhof Kamnik mesto mit dem Trutzturm Na Turnu, der im 15. Jahrhundert erbaut wurde und der Bevölkerung als Zufluchtsort diente © Peter Backé



Der alte Stadthügel in Kamnik, auch Balkon von Kamnik genannt, bietet schöne Ausblicke in die Steiner und Sanntaler Alpen © Peter Backé Der alte Stadthügel in Kamnik, auch Balkon von Kamnik genannt, bietet schöne Ausblicke in die Steiner und Sanntaler Alpen © Peter Backé

Das klingt kompliziert. Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Die Reiseplanung erweist sich als überraschend einfach. Die Zugsverbindungen nach Krain, Laibach, Stein und Cilli sind auf der ÖBB-Homepage schnell recherchiert. Sämtliche Busverbindungen zu den Start- und Endpunkten der Touren in den Steiner und Sanntaler Alpen finden sich, sorgfältig aufbereitet, in einer Online-Broschüre, die der slowenische Alpenverein Jahr für Jahr auf den neuesten Stand bringt. Auf der An- und Heimreise lädt die eine oder andere Stadt zu einem Zwischenstopp ein. Die Bahnhöfe liegen zumeist sehr zentrumsnah (lediglich in Kranj sind für den Weg ins Zentrum 15 Gehminuten zu veranschlagen), und so kann der Stadtbummel ohne komplizierte Zufahrt, ohne Stau und ohne mühsame Parkplatzsuche sofort nach der Ankunft beginnen. Soweit die Theorie. Aber wie verläuft so eine Bergreise in der Praxis? Ende August ist es so weit, ein paar Tage Spätsommerurlaub stehen an, und die Probe aufs Exempel kann beginnen. Um 8:30 Uhr rolle ich mit dem Railjet aus dem Bahnhof Wien Meidling hinaus Richtung Süden. Nach einem entspannten Frühstück im Zugsrestaurant müssen noch die letzten kleinen Urlaubshindernisse aus dem Weg geräumt werden. Die eine oder andere liegengebliebene Email ist zu beantworten, die automatische Abwesenheitsantwort zu aktivieren. Dann schließe ich die Tourenvorbereitung ab, checke die neueste Internet-Wetterprognose, gehe die geplante Tour noch einmal auf einer slowenischen Online-Karte durch und recherchiere letzte Detailinfos wie z.B. die Telefonnummern der Hütten, die an meiner Route liegen alles ganz easy dank des Gratis-WLAN im Premiumzug der ÖBB. Allzu sehr sollte man sich aber auch im Railjet nicht in der virtuellen Welt des Internets verlieren. Denn draußen zieht inzwischen die Semmeringlandschaft vorbei, es folgen Mürz- und Murtal, später der Wörthersee. In Villach steige ich um. Durch den Karawankentunnel fährt der Eurocity, mit dem ich nun unterwegs bin, nach Slowenien hinein, und eine halbe Stunde später ist Kranj erreicht. Vom Bahnhof führt mein Weg in die mittelalterliche Altstadt, denn die ist absolut sehenswert. Eine Stunde später geht es mit dem Nachmittagsbus weiter nach Jezersko Kazina (Mitter-Seeland). Bei strahlendem Sonnenschein beginnt meine Wanderung mit einem zweistündigen Aufstieg zur urigen ?e ka ko?a (Tschechische Hütte), von der sich herrliche Blicke in die steilen Nordwände der Steiner Bergriesen bieten. "Wollt Ihr nicht auf der Terrasse zu Abend essen?" fragt die sympathische Hüttenwirtin die Handvoll Bergwanderer, die heute hier übernachten. Keine Frage, das wollen wir denn gerade beginnt das abendliche Alpenglühen: Die Abendsonne taucht die Felswände in ein warmes gelb-rötliches Licht. Nach einer angenehm ruhigen Nacht bricht ein weiterer Tag mit Kaiserwetter an. Nach dem Frühstück werden die Trinkflaschen am Hüttenbrunnen aufgefüllt, denn oben auf der Hochfläche der Steiner und Sanntaler Alpen gibt es kaum Wasser. Heute steige ich über das Ravni-Kar auf dem Frischauf-Weg, einem geschickt angelegten, teils versicherten Steig, zum Mlinarsko sedlo (Langkofelscharte) auf, deponiere dort meinen Rucksack und mache einen Abstecher zum recht nahen Grintovec. Der höchste Gipfel der Steiner und Sanntaler Alpen bietet eine herrliche Rundsicht, die von den Hohen Tauern im Norden bis zur Adria im Süden reicht.

Hochalpine Szenerie im Herzen der Steiner und Sanntaler Alpen © Peter Backé Hochalpine Szenerie im Herzen der Steiner und Sanntaler Alpen © Peter Backé

Nachdem ich in die Scharte zurückgekehrt bin, führt mein weiterer Weg, passagenweise versichert, über das Karstplateau auf den Gipfel der Turska gora, sodann hinunter zur wilden Kotli?i-Scharte und weiter zur sehr gastlichen Ko?a na Kamin kem sedlu (Hütte am Steiner Sattel). Eine moderne, aber doch heimelige Unterkunft, es gibt sogar Duschen mit warmem Wasser. Dritter Tag: Für heute ist der Durchzug einer Regenfront angesagt. Daher frühstücke ich zeitig. "Where are you going today?" fragt der Hüttenwirt. "Planjava and Ojstrica", antworte ich, denn das sind die beiden nächsten Berge auf meinem Weg ans östliche Ende der Grintovci-Gruppe. Er fährt seinen Laptop hoch und zeigt mir die Wettersimulation des slowenischen Wetterdienstes: "It will start raining around 2 p.m." Heute heißt es also besonders auf die Zeit zu achten, um aus dem hochalpinen und damit besonders wetteranfälligen Gipfelbereich der Ojstrica bis zu Mittag wieder in niedrigere Bergregionen abgestiegen zu sein. Am späteren Vormittag erreiche ich den höchsten Punkt der Ojstrica. Angesichts der Wetterprognose wähle ich statt des etwas anspruchsvolleren Abstiegs durch die Nordostflanke Richtung Skrbina-Scharte (Kopin ek-Weg) die leichtere Route über den Ostgrat hinunter zum Kocbekov dom (Kocbek-Haus); dort kann ich im Fall einer deutlichen Wetterverschlechterung Unterschlupf finden. Wie vorausgesagt erreicht die Wetterstörung am frühen Nachmittag das Gebiet, in dem ich unterwegs bin. Sie zieht aber schnell durch, und bald beruhigt sich das Wetter wieder. Daher wandere ich vom Kocbek-Haus weiter über die karje (Schere), die ich bereits am Vormittag zum ersten Mal passiert habe, nach Norden zur idyllisch gelegenen Klemen?a jama-Hütte hinunter. Ich nehme in der Gaststube Platz, und schon bald steht ein sehr schmackhaftes Abendessen vor mir auf dem Tisch.

Abendstimmung nach Durchzug einer Schlechtwetterfront © Peter Backé Abendstimmung nach Durchzug einer Schlechtwetterfront © Peter Backé

Der Abstieg ins Logartal, das als eines der schönsten Talschlüsse der Alpen gilt, beschließt am vierten und letzten Reisetag meine Steiner Alpen-Durchquerung. Einzeln stehende Gehöfte, umgeben von Obstbäumen und Wiesen sind charakteristisch für dieses Tal, das von steilen Waldflanken gesäumt ist, darüber erheben sich die Felsgipfel der Steiner und Sanntaler Alpen, die heute allerdings in Wolken gehüllt sind. Da der Bus nach Celje erst um 12:40 Uhr abfährt, wandere ich nicht direkt talwärts, sondern mache einen Abstecher auf den 1764m hohen Strelovec, einem schönen Aussichtspunkt, dessen Gipfel heute knapp über der Wolkendecke liegt. Danach geht es nur mehr bergab. Zu Mittag erreiche ich das Hotel Plesnik im Logartal, den Endpunkt meiner Tour. Die folgende Busfahrt führt durch das wildromantische Savinja-Tal nach Celje. Je näher man der Stadt kommt, desto mehr weitet sich die Landschaft. Der Bus rollt durch schmucke Dörfer, an Kürbisfeldern und Hopfenkulturen vorbei im unweiten La ko wird das bekannteste Bier Sloweniens gebraut , im Hintergrund zeigen sich sanfte Mittelgebirgskuppen. Ein Rundgang durch den altösterreichisch geprägten Stadtkern von Celje ist sehr empfehlenswert und fahrplantechnisch problemlos möglich, bevor die Reise mit dem Zug zurück Richtung Österreich beginnt. Aber nicht ohne einen weiteren Zwischenstopp! Denn an Maribor (Marburg) kann man nicht so einfach vorbeifahren. Die zweitgrößte Stadt Sloweniens, die 2012 europäische Kulturhauptstadt war und sich dafür regelrecht herausgeputzt hat, kann mit einer architektonisch sehr interessanten Altstadt, einer langen Weinbautradition und etlichen kulinarischen Spezialitäten aufwarten. Am späten Nachmittag geht es schließlich mit dem Eurocity weiter Richtung Österreich. 3 ¾ Stunden dauert die Fahrt nach Wien genug Zeit für einen geruhsamen Besuch im Speisewagen. Und bei Pala?inke z marmelado oder s ?okolado (wer behauptet da, Slowenisch sei schwierig?) kann dann bereits das Pläne-Schmieden für die nächste Bergwanderreise beginnen... SERVICEBOX Routen: Durchquerung der Steiner und Sanntaler Alpen auf leichten bis mäßig schwierigen Klettersteigen: Jezersko Kazina / Mitter-Seeland Makekova ko?na ?e ka ko?a (Übernachtung) Ravni-Kar Mlinarsko sedlo Grintovec Mlinarsko sedlo Veliki podi Bivak 2102 Mali podi Turska gora Kotli?i Ko?a na Kamni kem sedlu (Übernachtung) Planjava Ostgipfel karje Ojstrica Kocbekov dom karje Ko?a na Klemen?i jami (Übernachtung) Plesnikova planina Strelovec Plesnikova planina Logarska Dolina Gehöft Plesnik Hotel Plesnik. Schwere Klettersteige: Ko?na, Dolgi hrbet, Abstieg von der Skuta zu den Mali podi. Wanderroute: Zgornje Jezersko (Ober-Seeland), Busstation tular Ravenska ko?na Lovska pot Kranjska ko?a Seeländer Sattel ( Abstecher zur Velika Baba) Sanntaler Sattel Frischaufov dom Slap Rinka (Wasserfall) Logartal Berghütten: Öffnungszeiten zumeist Mitte/Ende Juni bis Ende September, teilweise auch bis zum zweiten Oktoberwochenende. Die meisten Hüttenwirte sprechen gut Deutsch, jedenfalls aber Englisch. Wandersaison: während der Hüttenöffnungszeiten. Besonders empfehlenswert ist die Nachsaison ab Ende August, da die Anzahl der Wanderer und Bergsteiger dann deutlich geringer ist als im Hochsommer. Achtung: Nordseitig bis in den Sommer hinein Altschneefelder. Landkarten: Grintovci, 1:25.000, slowenischer Alpenverein, 2015. Online-Karte hier. Fahrplaninformationen: http://www.oebb.at bzw. hier. Busbahnhöfe: Kranj: Ecke Bleiweisova cesta / Sto i?eva ulica (20 Min. Fußweg vom Bahnhof, oder einige Stationen mit dem innerstädtischen Bus). Celje: 300m nördlich des Bahnhofs an der A ker?eva ulica. Kamnik: hauptplatznah am östlichen Ende der Pre ernova ulica (10 Min. Fußweg vom Bahnhof Kamnik Mesto). Ljubljana: direkt am Hauptbahnhof, südseitiger Ausgang, an der Masarykova cesta. Alle Busbahnhöfe außer jener von Kamnik sind auf Google Maps eingezeichnet.    
 
 
 
 

Peter Backé
geboren 1960, ist seit seiner Kindheit in den Ostalpen, in den letzten Jahren vermehrt auch in den Bergen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas unterwegs. Er ist Autor des Buches „Mit Bahn und Bus in die Wiener Hausberge“ (Rother Verlag). Beruflich ist er in leitender Position in der Volkswirtschaftlichen Hauptabteilung der Oesterreichischen Nationalbank tätig.
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