27.09.2015

Der Bär im Zug


TRAVEL
Text — Monika Helfer



Ich hatte an einem Sommertag solche Sehnsucht nach einer Reise. Ich suchte im Google und fand unter Zarengold ein Angebot der Transsibirischen Eisenbahn. Allein die Vorstellung von unterschiedlichsten Landschaften, der Wolga-Ebene, dem Ural, der westsibirischen Steppe, der ostsibirischen Bergtaiga, von Temperaturen bis zu 62 Grad Minus oder 52 Grad plus würde meinen Geist aufrütteln und die Traurigkeit verschwinden lassen. Nach hundertsechzig Stunden Fahrdauer würde ich ...

Ich war den ganzen Juli voller Melancholie gewesen, war mir unnütz vorgekommen, und darum wollte ich mir ein Gegenprogramm verordnen. Ja, mein Herz, ich buchte in der Transsibirischen Eisenbahn einen Platz im Großraumwaggon. Nicht dass man mich nicht warnte. Man warnte mich, das würde mir bald leid tun, denn diese Art zu reisen sei nur für ganz Harte und für arme Russen, aber niemals für Touristen, wie ich eine sein würde, egal, wie ich mich auch verkleiden mochte. Es würden hundertsechzig Stunden in der russischen Hölle sein. Ich besorgte mir ein Russisch-Wörterbuch, vor Jahren hatte ich einen Russischkurs belegt, ich konnte ein paar Grußworte, wusste, wie man Essen bestellt und wie man sich entschuldigt. Mein Daunenschlafsack war während der Reise der allerbeste Freund, er schützte mich vor Kälte, vor schlechten Gerüchen und Lärm. Ich war ganz und gar in ihm verkrochen. Damit diese Formulierung auch richtig verstanden wird: Ich habe mich nicht, ich war in ihm verkrochen. Das Im-Schlafsack-Verkrochen-Sein war meine Lebensform, wie das Im-Mutterbauch-Sein die Lebensform des Embryos ist. In meinem Waggon befanden sich vierundfünfzig Betten. Die unteren Betten konnte man hochklappen und einen Tisch daraus machen. Ich hatte wenig Gepäck, warme Anziehsachen, zwei Thermosflaschen, Essbesteck und teures Parfum. Damit beträufelte ich in Abständen immer wieder meine Schläfen und die Handgelenke und die Kopfregion des Schlafsacks. Zusammen mit so vielen Menschen, mein Herz, das ist eine Attacke! Ich fühlte mich bestraft, hörte Murmeln und Lachen, als ob jemand gekitzelt würde. Man interessierte sich nur kurz für mich, starrte in mein Gesicht, als ich eintrat, aber dann war ich wieder vergessen für immer. Ein kleines Mädchen riss sich die Spange aus den Haaren und schenkte sie mir. So etwas geschieht mir öfters. Die Spange hatte die Form einer Blüte. Blieb der Zug stehen, stiegen viele Leute aus und wenige ein. Auf den Bahnsteigen boten alte Frauen dampfendes Essen an, sehr billig und schmackhaft. Pelmeni Teigtaschen mit Rote-Beete-Füllung kaufte ich und Meduwucha, ein Honiggetränk, bei dem ich erst zu spät merkte, dass ziemlich viel Alkohol beigemischt war. Es eignete sich zum Einschlafen.

Transsibirian Railway (c) Burkhard Schmidt Transsibirian Railway (c) Burkhard Schmidt

In Tschita stieg ein Mann ein, der sich für mich interessierte. Warum nur fuhr ich unter solchen Bedingungen! Muss die Melancholie denn für alles herhalten? Weil ich melancholisch bin, fahre ich mit der Transsibirischen Eisenbahn? Doch weil ich verrückt bin! Nach Grußworten, die ich verstand und erwiderte, packte der Mann seine Tasche aus, nahm Babuschkapuppen und stellte sie in der Reihe vor mir auf. Also, dachte ich, wird das ein Vertreter für russische Puppen sein. Er reichte mir seine Wodkaflasche, und wir tranken, dabei ordnete er seine Puppen zu verschiedenen Konstellationen, einsame Puppen, Puppenfamilien, er öffnete die Puppenköpfe und nahm die Figuren eine nach der anderen bis zur Kleinsten heraus, manche legte er auf meinen Schlafsack, um sie dann wieder wegzunehmen, er ließ sie sich gegenseitig küssen und den Rücken zeigen, als ob sie gekränkt wären. Es war ein Spiel. Mir verschwamm es vor den Augen, ich bin keine Schnapstrinkerin, aber da ich halb im Sitzen dalag und auf den Mann von Tschita blinzelte, war alles egal. Ich wurde müde, schlief kurz ein, der Mann aus Tschita beugte sich über mich und wickelte den Schlafsack enger um meinen Körper. Mir schien, als hätte er plötzlich den Kopf eines Bären, aber anstatt erschreckt von ihm zu sein, wiegte ich meinen Kopf, um ihm zu zeigen, dass er mir sympathisch war ... Mir fiel verschwommen ein, was ich gelesen hatte: Russische Männer sind maskulin und gnadenreich. Russische Männer beleidigen keine Frauen. Russische Männer weinen viel. Russische Männer sind aggressiv, benutzen unanständige Wörter und vertragen eine Menge Wodka. Ich hörte singen, und es war der Mann aus Tschita, der das Lied von den schwarzen Augen sang: Ach, ihr seid nicht umsonst von so dunkler Tiefe! Ich sehe in euch die Trauer über meine Seele, ?ich sehe in euch das unbezwingbare Feuer, auf dem mein armes Herz verbrennt. Ich schlief. Wieder sah ich den Mann aus Tschita über mir, er roch wie aus einem Hundemaul, und dabei war er ein Bär. Ein Bär aus Tschita. Ohne Zweifel. Wieder schlief ich ein und folgende Geschichte türmte sich vor mir auf: Ich sah den Mann aus Tschita als ungeborenes Bärchen im Bauch seiner Mutter, der großen Bärin. Er hielt sich an ihrem Bauchfell fest, und sie konnte nicht niederkommen, lange nicht. Das bereitete der Bärin große Schmerzen, so dass sie nach der Geburt verstarb. Das Bärchen aus Tschita fand einen Honigtopf und schleckte ihn leer. Als es größer wurde und ein Bär wurde, fraß er zwei Nachtarbeiter, die gerade aus der Möbelfabrik kamen. Sein erster großer Hunger war gestillt, und von nun an konzentrierte er sich auf Hühner. Aber der Bär aus Tschita riss auch Kälber und schleppte, was er schleppen konnte. Er fand mich im Wald, und mein Kopf war vom Körper abgetrennt. Da nahm er einen starken Faden und eine Nadel mit großer Öse und nähte meinen Kopf wieder an meinen Hals. Dann gab er mir zu trinken. Ich sah den Mann aus Tschita wieder über mir, und er reichte mir seine Wasserflasche. Er streichelte meine Stirn. Er war nicht grob. Er setzte sich mir zur Seite und sang: Doch ich bin nicht traurig, nicht bedrückt, glücklich erscheint mir mein Schicksal. Alles, was Gott uns Gutes im Leben gegeben hat, hab ich geopfert für diese feurigen Augen. Nach hundertsechzig Stunden Fahrdauer würde...
 
 
 
 

Monika Helfer
geboren 1947 in Au (Bregenzerwald), lebt als Schriftstellerin in Vorarlberg. Sie hat Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht, u.a. »Diesmal geht es gut aus« (2014) und »Die Welt der Unordnung«  (2015), sowie gemeinsam mit Michael Köhlmeier das Kinderbuch »Rosie und der Urgroßvater« (2010). Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Österr. Würdigungspreis für Literatur 1997, Johann-Beer-Literaturpreis 2012.
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