04.10.2015

Von Belgrad an die Adria: Durch 254 Tunnel ans Meer


TRAVEL
Text — Gerhard Liebenberger



Der kürzeste Weg von Belgrad an die Adria verläuft durch das unwegsame Dinarische Gebirgsmassiv. Diese Bahnreise von Serbien nach Montenegro führt entlang steiler Canyons, durch Tunnels und über die höchste Eisenbahnbrücke Europas. Die Fahrt ist ein goldgelbes, herbstliches Balkan-Abenteuer.

„Schon fast zwei Stunden Verspätung“ knurre ich verärgert. Ich habe die mitteleuropäische Genauigkeit und das sekundengetaktete Zeitgefühl beim Bahnfahren noch nicht abgelegt. Auf eine Balkanreise sollte man jedoch eine entspannte Blickweise auf das Leben und großzügige Zeitreserven mitnehmen. Die Einheimischen waren auch dann nicht mürrisch, als unser Zug wegen einer schadhaften Lokomotive liegen blieb. Endlich ist sie ausgetauscht, doch der Zug stoppt nach kurzer Fahrt schon wieder. Mit schwerem Werkzeug bearbeitet einer der Bahnmitarbeiter unseren Waggon, er legt eine festgefahrene Bremse wieder frei. Als unser Zug dann mit mehreren Stunden Verspätung weiterfährt, sehen meine Mitreisenden noch immer gelassen aus. Von der serbischen Hauptstadt Belgrad bis Bar an der montenegrinischen Adriaküste sind es 476 Kilometer. Laut Fahrplan dauert die Fahrt etwas mehr als 11 Stunden, Reisende sollten mindestens ein bis zwei Stunden mehr Fahrzeit einplanen. Früher, als die Strecke noch in einem besseren Zustand war, brauchte der Zug nur sieben Stunden. Im Barwagen können die Fenster noch geöffnet werden. Ich richte mich mit der Kamera und einem Getränk gemütlich ein und genieße die freie Sicht auf die sich ständig verändernde Herbstlandschaft. Der Kellner teilt die Begeisterung und weist mit einem regelmäßigen „In fünf Minuten – Super!“ auf die nächsten Highlights hin. Die serbische Hauptstadt Belgrad liegt schon lange hinter uns. In einem Meer aus roten und goldgelben Farbtönen fährt der Zug durch die herbstlichen Laubwälder. Die hügelige Landschaft am Rande des Dinar-Gebirges ist – bis auf die wenigen Städte – nur dünn besiedelt. Dann wird die Strecke zunehmend gebirgig und die Landschaft ändert sich nach dem Durchfahren eines langen Tunnels völlig. Die bunten Wälder werden Richtung Westen vom schroffen und kargen Karst abgelöst. Die meisten und längsten der 254 Tunnel und 435 Brücken befinden sich in Montenegro, das seit dem Jahr 2006 von Serbien unabhängig ist. Mateševo ist auf 1.032 Metern Seehöhe der höchste Punkt der Gebirgsbahn.

Herbststimmung und Karstlandschaft auf der Gebirgsstrecke zwischen Belgrad und Bar (c) Gerhard Liebenberger Herbststimmung und Karstlandschaft auf der Gebirgsstrecke zwischen Belgrad und Bar (c) Gerhard Liebenberger

In der hochalpinen Landschaft übersehe ich fast das 498 Meter lange Mala-Rijeka-Viadukt, es ist kaum von der Karstlandschaft zu unterscheiden. In 198 Metern Höhe überquert der Zug auf der höchsten Eisenbahnbrücke Europas das Tal. Für wenige Sekunden habe ich einen weiten Blick ins „Land der Schwarzen Berge“, bevor der Zug im nächsten Tunnel verschwindet. Das Tal weitet sich nach und nach und die Reise führt bis in die Hauptstadt Podgorica ständig bergab. Dort lockt die warme Herbstsonne die Menschen in die Cafés in der Fußgängerzone ul. Hercegova?ka. Es herrscht südliche Gelassenheit, niemand hat es eilig. Außer auf der Straße, wo die sportliche Fahrweise demonstriert und der Motorradhelm lieber um den Arm als am Kopf getragen wird.

Die höchste Eisenbahnbrücke Europas wurde 1973 fertiggestellt. (c) Gerhard Liebenberger Die höchste Eisenbahnbrücke Europas wurde 1973 fertiggestellt. (c) Gerhard Liebenberger

Rund 30 Kilometer südlich von Podgorica speist der Fluss Mora?a den größten See auf der Balkanhalbinsel. Der Skutarisee liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel im Grenzgebiet zwischen Montenegro und Albanien. Neben den Zuflüssen wird er von bis zu 44 Meter tiefen, unterirdischen Quellen gespeist. Sie liegen zum Großteil unterhalb des Meeresspiegels.

Der Skutarisee ist der größte See auf der Balkanhalbinsel (c) Gerhard Liebenberger Der Skutarisee ist der größte See auf der Balkanhalbinsel (c) Gerhard Liebenberger

Die Strecke nach Bar führt nun auf einem Damm quer über den glatten Skutarisee, eine verfallene türkische Festung spiegelt sich im Wasser. Durch den rund sechs Kilometer langen Sozina-Tunnel fährt der Zug weiter an die Küste und erreicht seinen Endbahnhof Bar. Noch einmal ändert sich die Landschaft. Milde, mediterrane Luft weht durch das offene Fenster und Palmen ziehen vor einer spektakulären Bergkulisse vorbei. Von hier mache ich mich zu Fuß in die etwas versteckte Altstadt von Bar auf. Nach dem Erdbeben 1979 wurde sie vollständig aufgegeben. Große Teile von Stari Bar wurden aber schon im osmanisch-montenegrinischen Krieg 1877 zerstört.

Stari Bar (c) Gerhard Liebenberger Stari Bar (c) Gerhard Liebenberger

Der große Aquädukt und die Überreste der Häuser und Kirchen erzählen von einer wechselhaften Geschichte am Reibepunkt zwischen den verschiedenen Völkern und Religionen. Bis hier reichte vor langer Zeit Österreich. Die Olivenbäume standen schon zur Zeit der Römer, einige von ihnen sind bis zu 2.000 Jahre alt.

Bar - Plamen & Gebirge (c) Gerhard Liebenberger Bar - Plamen & Gebirge (c) Gerhard Liebenberger

Videoimpressionen über die 476 Kilometer lange Bahnstrecke von Belgrad nach Bar an der Adria  gibt's hier
 
 
 
 

Gerhard Liebenberger
geb. 1978 in Bruck/Mur, ist Reisender aus Leidenschaft: Meist alleine mit Rucksack und bevorzugt mit der Eisenbahn. Über seine Reisen, die ihn u.a. durch Sibirien, China, Japan und Indien führten, berichtet er in seinem Blog andersreisen. Auf Leinwand begeistert aktuell die Multivisions-Show „Süd Indien – Ein Bahn-Reise-Abenteuer“.
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