11.09.2018

Durchatmen mit Kaiser Franz Josef und viel Theater


SLOW FOOD
Autor — Eva Rossmann



An welchem Bahnhof sind Kaiser Franz Josef und seine Sissi, Sigmund Freud, Nikolaus Lenau, Ferdinand Raimund, Adalbert Stifter, Marie Ebner Eschenbach, Otto Wagner, Peter Altenberg, Franz Grillparzer, Johann Nestroy und Arnold Schönberg ein- und ausgestiegen? Heute würden bei einer derartigen "Promi-Dichte" wohl Paparazzi auf der Lauer liegen, aber Payerbach-Reichenau war anders. Und es ist anders. Der berühmte Doppelort der Sommerfrische ist ... vor allem grün. Und ruhig. Wenn auch nicht mehr verschlafen. Denn das Konzept der entspannten Erholung erlebt hier gerade eine neue Blüte.

Wobei eben schon der Bahnhof allein eine Reise wert wäre. Man erreicht ihn über die berühmte Semmeringbahn, Weltkulturerbe und in Zeiten, wo alles immer noch etwas schneller gehen muss, besonders faszinierend. Denn eigentlich geht's schnell von Wien auf den Semmering. Eröffnet wurde das festgefügte Steingebäude bereits 1854. Und von dort ins Höllenthal gab's bereits in den Zwanzigerjahren eine Schmalspurbahn, die elektrisch betrieben wurde.

Eigentlich will ich ja in der Payerbacherhof, um mit meinen Freunden noch etwas zu essen, bevor es dann zum Theater in den Thalhof geht. Aber so schnell geht auch das hier nicht. Wir wollen am Bahnhofsbüffet vorbei, ja, auch so etwas gibt es hier noch, als wir "gestellt" werden. Ob ich nicht die sei, die Bücher schreibt? Triumphierend werde ich vorgeführt. Er kenne sich eben aus, sagt der Hans zu seinen Freunden. Und lädt uns auf einen köstlichen G'spritzten ein.

Dann endlich geht es die Stufen hinunter, vorbei am idyllisch gelegenen Friedhof, zum Gastgarten. Unter der alten Platane haben viele Tische Platz und Gäste, die hier zeitlose Ferien genießen. Klassisch ist auch die Küche, aber klassisch gut. Das trifft sowohl auf den Grillteller von Joschi, das wunderbar zarte Lachsforellenfilet von mir als auch auf das überbackene Brot von Manfred zu. Das Highlight, wenn man in dieser geschichtsschwangeren Umgebung solche Ausdrücke gebrauchen darf, ist freilich der Kaiserschmarren. Saftig und zart, mit einem Schuss Rum im Teig, nicht zu süß und gar nicht fad. Aber wo, wenn nicht hier, wo der Kaiser gerne mit und ohne Sissi auf Auerhahnjagd weilte, sollte er so sein?

Gastgarten Payerbacherhof

Höchste Zeit, um zum Thalhof aufzubrechen. Das sollte man, wenn es sich irgendwie ausgeht, zu Fuß machen. Drei Kilometer sind es, von Payerbach nach Reichenau, vorbei am berühmten historischen Eisenbahn-Viadukt über die Schwarza, und eine schmale Straße hinauf, vor sich die Berge. Ich finde sie ja von unten besonders schön.

Zuerst spielt der Gebäudekomplex selbst Theater. Besser kann man sich vor der Gebirgskulisse nicht in Positur werfen. Und sein Alter sieht man dem Kurhaus wenn, dann nur im positivsten Sinn an. Immerhin gibt's den Thalhof bereits seit 1652. Und in der Biedermeierzeit rangierte er unter den Spitzenhotels.

Rund um wurden edle Villen errichtet, der Kaiser hat hier geschlafen und gejagt. Wild, versteht sich. Das soll nicht bei allen bekannten Gästen aus Kunst, Wissenschaft und Politik so gewesen sein. Schnitzler zum Beispiel wird eine überaus innige Beziehung zur Gastgeberin Olga Waissnix nachgesagt. Muse nannte man das damals.

Ob die theaterbegeisterte Wirtin noch irgendwo herumspukt, wenn im ehemaligen Ballsaal die feinen Produktionen der Reinhardseminar-Professorin Anna Maria Krassnigg aufgeführt werden? Erstaunlich aktuelle Stücke aus der ersten Hochblüte der Gegend werden hier zu ganz neuen Werken in Beziehung gesetzt. Wer kennt schon viel mehr von Marie von Ebner-Eschenbach als "Krambambuli"? Und für alle, denen die Sommer-Theater der "Wortwiege" und der Reichenauer Festspiele (ja, auch Theater gibt's hier doppelt) doch sozusagen zu viel Theater sind, geht's auch ohne. Seit dem Umbau bietet der Thalhof moderne Appartements mit dem Flair der Gegend. Man kann auf den Spuren historischer Persönlichkeiten wandeln. Oder, ganz modern, "waldbaden". Die Idee kommt übrigens aus Japan. Besonders gesund sei das, wird propagiert. Man gehe in den Wald und hole tief Luft. Doch nicht so neu, oder?

 
 
 

Eva Rossmann

1962 in Graz geboren; lebt im Weinviertel. Verfassungsjuristin, Journalistin, Autorin, Köchin, ORF-Moderatorin. Sachbücher, Drehbücher, Kochbuch „Mira kocht“, Weinviertel-Verführer „Auf ins Weinviertel“.
In ihren Kriminalromanen rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre bosnischstämmige Putzfrau und Freundin Vesna Krajner geht es um aktuelle gesellschaftspolitische Themen. Seit ihrem Krimi Ausgekocht auch Köchin in Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“. 2017 erschien ihr Roman „PATRIOTEN“ (Folio) über Europa am Scheideweg zwischen Nationalismen und weltoffener Gemeinschaft.
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Österreichischer Buchliebling 2009. Großer Josef Krainer Preis für Literatur 2013. Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur der Stadt Wien 2014.

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