28.09.2018

Lebensweisheiten, die beim Reisen nicht gelten


ENTSPANNT UNTERWEGS
Autor — Susi Mayer



Reisende soll man nicht aufhalten. Das hat schon Mutti gesagt. Aber hat Mutti dabei auch an Bahnreisen gedacht? Wir stellen für dich altgediente Lebensweisheiten auf den "beschienten" Prüfstand.

Gut Ding braucht Weile

Endlich. Langes Wochenende. Die Feiertagskultur in Österreich hat ja schon auch was für sich. Du hast einen feinen Trip geplant, freust dich seit Tagen, und dann passiert's - verschlafen! Wer so viel wie möglich aus seinem Kurztrip rausholen will, muss früh aus den Federn. Du rast also mit Lichtgeschwindigkeit zum Zug, Handy in der Hand, der Grüntee in der Thermosflasche gluckst wie wild in deiner Reisetasche. Du schaffst es grade noch an Board - und jetzt? Natürlich kein Ticket gelöst und der Zugbegleiter macht schon seine Runden.

Unser Tipp: Am Vorabend gemütlich über die ÖBB-App buchen, Vorteilscard entweder schon abgespeichert am Handy oder gut greifbar vorne im Handgepäck mit dabei haben. Dann kannst du sogar mal fünf Minuten deinen Alarm snoozen und so richtig entspannt in den Urlaub starten.

Die Drei-Sekunden-Regel a.k.a.: Die Ersten werden die Letzten sein

Dein Trip geht weiter. Umstieg in Wien Meidling. Villach steht auf der Zugzielanzeige, denn du setzt dich Richtung Süden ab. Du bist nur leider nicht der einzige Reiselustige am Bahnsteig. Frisch gedruckte Heute-Zeitungen, Morgen-Mundgeruch und der erste wienerisch klingende Fluch. Der Kurzurlaub ist wirklich notwendig.

Auftritt Lohner: "Die first class befindet sich im vorderen Zugteil". Du also hinten rein mit dem Rest der Meute. Leider stehst du nicht ganz richtig (erinnert mich immer an "1, 2 oder 3": Ob du wirklich richtig stehst, siehst du, wenn die Tür aufgeht) und bist unter den letzten Lemmingen, die sich mit angenagten Rucksäcken durch die feschen Schiebetüren bugsieren.

Links vor dir setzt sich wer. Und dann rechts und weiter vorne links und weiter vorne rechts. Und dann siehst du ihn. Den letzten freien Platz im Abteil. 5 Meter vor dir. Gangplatz. Und dann bemerkst du sie. Blond, Mitte dreißig, No-Bullshit-Attitüde, und sie hat dasselbe Ziel wie du. Kurzer Augenkontakt. In deinem Kopf hörst du Wildwest-Schwingtüren klappern und Ennio Morricone. Du weißt: Jetzt heißt's Gas geben. Dein rechter Oberschenkel streift den linken Unterarm eines Sitzenden. Etwas schwankend nimmt dein Rucksack Kontakt mit dem Ohrwaschel des nächsten Fahrgastes auf. Im Kopf zählst du die Sekunden bis zum freien Platz. 3 - eine Oma bewegt sich so.unglaublich.langsam. 2 - deine Kontrahentin steigt behände über einen im Gang geparkten Zwergpudel. Respekt. 1 - das Laptopkabel wird vom Gangplatz links "Sie haben da was fallen lassen" zum Gangplatz rechts "Jö, danke, gell" gereicht. 0 - Mittedreißigblondnobullshit hat soeben den freien Platz erreicht.

Jetzt heißt es Niederlage eingestehen und einen neuen freien Platz suchen, oder Krone zurechtrücken und einen auf "Ich sitze eh den ganzen Tag" machen und stehen bleiben.

Wie du dem Unheil das nächste Mal entgehst? Buch' doch einfach ganz entspannt einen Sitzplatz mit. Kostet nicht viel, spart aber jede Menge Nerven, vor allem, wenn du mit Freunden unterwegs bist und zusammensitzen möchtest. Und ja, im Zug zu reisen ist immer noch mein Favorit - lesen, essen, schlafen, Sightseeing besprechen. Auch hier hilft ein klein wenig Vorbereitung für die extra Portion Entspannung. ;)

Wenn du die Absicht hast, dich zu erneuern …

… tue es jeden Tag. Sagt zumindest Konfuzius. Was auf Schiene nicht darunter fällt (Bittedanke):

  • Stundenlange Telefonate mit der besten Freundin. Über den, der dich eh nicht verdient hat, weil du der liebenswürdigste Mensch auf der weiten Welt bist und jetzt fängt dein Leben erst richtig an, weil jetzt machst du endlich den Beton-Deko-Kurs, den er dir immer ausgeredet hat und ...
  • Alles, was du in deinem Foto-Kurs gelernt hast, an deinem Gegenüber ausprobieren. Hier und jetzt.
  • Den Impulserhaltungssatz am Reisegast anwenden, der dich gerade versehentlich angerempelt hat, weil du dir jetzt ECHT NIX MEHR gefallen lässt.
  • Deine neue Vegan-Diät am Tisch vom Viererplatz auszubreiten, sodass keiner mehr einen Finger rühren kann.
  • "Headspace"-Meditation im Lotussitz am Gang, während der Zugbegleiter seine Runde macht.

Beim Zugfahren geben wir gerne auch auf unser Gegenüber acht und respektieren unsere Umwelt. Vor allem in gut gebuchten Reisezügen. Denn auch für unsere Mitreisenden beginnt der Urlaub dann, wenn sich die Railjet-Türen schließen. Wer lieb ist, hat einfach mehr vom Leben. ;)

 
 
 
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