18.10.2015

Old Nick


TRAVEL
Text — Michael Köhlmeier



Während einer Zugfahrt von Wien nach Graz saß ich mit dem Teufel in einem Abteil. Ich war sehr rechtzeitig am Hauptbahnhof gewesen, der Zug stand bereits am Perron. Ich hatte eine Karte erster Klasse gelöst, in den Waggons waren erst wenige Fahrgäste, eine gute halbe Stunde war noch hin bis zur Abfahrt. Ich erkannte ihn sofort. Ich erkannte ihn an seinen spitzen, roten Luchsohren und an den kleinen blanken Hörnern, die durch das dichte, blonde Kopfhaar stießen. Auch steckte ein Fuß in einem orthopädischen Schuh. Er trug einen Anzug mit übergroßen bunten Karos. Seine Augen rasten flink über alles, auch über mich, der ich draußen im Gang stand und durch die Glastür zu ihm hineinschaute.

Er nickte mir zu, und da betrat ich das Abteil und fragte, ob noch ein Platz frei sei. Bist du verrückt! , sagte er. Ich will mit dem Teufel sprechen , sagte ich. Es wird dir vielleicht lausig schaden , sagte er. Wenn es mich nicht ruiniert , sagte ich, den Schaden nehme ich in kauf. Was willst du von mir wissen? , fragte er. Seine Augen wechselten die Farbe, und das bewirkte, dass man ihnen nicht auskam. Wie viele Fragen darf ich stellen? Sagen wir drei. "Sagen wir vier? Also gut, vier Fragen , sagte er. Da brachte ich nicht lange zu überlegen: Was ist die größte Sünde? Was ist das Böse? Was ist das Gute? Wie ist Gott? Dann also der Reihe nach , sagte er. Die größte Sünde ist der freiwillige Verzicht auf Glück. Niemand verzichtet freiwillig auf das Glück , sagte ich. Da fuhr der Zug an. He! , rief ich. Wie gibt es das? Mir scheint, als redeten wir erst eine Minute miteinander. Und schon ist eine gute halbe Stunde vergangen? Mit dem Teufel reden geht schneller , sagte er. Wie lautete deine zweite Frage? Was ist das Böse? Das Böse ist, wenn einer nicht aufhören kann mit etwas. Womit? Ganz egal, womit einer nicht aufhören kann, wenn er es nicht kann, dann ist es das Böse. Während er das sagte, konnte er das Lachen nicht verbeißen, und seine Augen gingen ins Gelbliche. Darauf wäre ich nie gekommen , sagte ich. Niemand kommt darauf. Schon fuhren wir über den Semmering. Schon fahren wir über den Semmering , drängte ich. Wir müssen uns beeilen, wenn wir bis Graz alle Fragen durchhaben wollen. Ich fahre weiter , sagte der Teufel. Aber ich nicht , sagte ich. Also: Was ist das Gute? Jetzt wurde er sehr ernst. Sein Gesicht legte sich in die urältesten Falten, die Augenfarbe wechselte zu schwarz. Das Gute , sagte er, ist, wenn man stehenbleibt und langsam ausatmet. Was soll daran gut sein? Wenn man es richtig macht, dann weiß man es. Das versteht wieder kein Mensch! , protestierte ich. Das können wir nicht einsehen! Und wie lautete deine letzte Frage? Wie Gott ist? Oh, ich dachte, du hättest gefragt, ob Gott ist oder wer ist Gott. Nein, ich fragte: Wie ist Gott? Auf Wer ist Gott? hätte ich eine Antwort gewusst. Aber ich fragte: Wie ist Gott? Ich weiß es nicht , sagte der Teufel. Da fuhren wir bereits an den ersten Häusern von Graz vorbei. Das geht so nicht! , rief ich aufgeregt. So schnell darf die Zeit nicht vergehen! Was kann ich tun, um die Zeit anzuhalten? Stell mir eine wirklich schwere Frage , sagte der Teufel. Eine Frage, über die ich nachdenken muss. Über deine Fragen musste ich nicht nachdenken. Die ersten drei waren zu leicht. Auf die letzte weiß ich nichts zu sagen, und wenn ich eine Million Jahre darüber nachdenken würde, weil es auf diese Frage für mich nämlich keine Antwort gibt. Wie viel kostet ein Viertel Kilo Butter? , fragte ich. Da blieb der Zug stehen. Schon waren wir im Bahnhof Graz. Alles blieb stehen. Die Menschen auf dem Bahnsteig blieben stehen, die Tauben in der Luft, der Zeiger der Bahnhofsuhr von der Firma Schauer, der Spuckeklumpen, den ein Passant aus dem Mund blies. Wie viel Zeit gibst du mir für die Antwort , fragte der Teufel. Drei Minuten , sagte ich. Gib mir fünf , sagte er. Nein, nur drei , sagte ich. Denn ich dachte, es muss herrlich sein, dem Teufel zu diktieren. Also gut, drei Minuten , sagte er und blickte auf seine Armbanduhr. Und dann fing er an zu rechnen, brauchte dazu seine Finger, strampelte sich die Schuhe von den Füßen und zählte auch mit den Zehen und zählte dazu noch mit den Knöpfen seines grobkarierten Anzugs. Ein Auf und Ab von Hand zu Fuß und Knopf war das. Am linken Fuß war nur ein Huf, aber es war ein gespaltener Huf, so dass er beim Zählen ebenfalls eingesetzt werden konnte. Die langen dünnen Ohren brannten wie Lötkolben. Das Blondhaar versengte sich zu grau-weißer Asche. Die Augen waren weiß wie geschälte hartgekochte Eier. Am Ende, gerade als die drei Minuten um waren und nur ein uraltes Gespenst von ihm übrig war, sagte der Teufel: Ein Viertel Kilo Butter kostet ein Euro und zweiunddreißig Cent. Habe ich recht? Ich weiß es nicht , sagte ich. Du weißt es nicht? , schnaubte er mich an. Sein Atem war nur noch lauwarm. Wie wollen wir jetzt herauskriegen, ob ich recht habe? Warum sollen wir das denn überhaupt herauskriegen?, sagte ich. Es interessiert mich ja gar nicht, wie viel ein Viertel Kilo Butter kostet. Was ist, wenn du recht hast? Holst du mich, wenn du recht hast? Kein guter Tag für Geschäfte , sagte er und erhob sich langsam und mühsam. Was geschieht mit der Zeit? , fragte ich. Bleibt sie stehen bis in Ewigkeit? Nein , sagte er. Sobald du mich nicht mehr siehst, hat der Zug einfach nur im Bahnhof Graz angehalten, und alles ist wie immer. Und du weiß wirklich keine Antwort auf die Frage, wie Gott ist? Gott weiß auch nicht, wie viel ein Viertel Kilo Butter kostet , sagte er. Dann verließ der Teufel mein Abteil, und die Zeit ging weiter. Normal langsam. Und ich war in Graz.
 
 
 
 

Michael Köhlmeier
geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Zuletzt erschienen Die Abenteuer des Joel Spazierer (2013), Spielplatz der Helden (2014, Erstausgabe 1988) und der Roman Zwei Herren am Strand (2014). Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem Manes-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet.
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