19.10.2018

Dein Bahn-Alltag als Filmtitel


ENTSPANNT UNTERWEGS
Autor — Susi Mayer



Manchmal befindet man sich im falschen Film, manchmal läuft das Leben wie in einem Film ab und manchmal nimmt der Film einfach kein Ende.

"Die üblichen Verdächtigen"

Jeden Wochentag sitzt du als Pendlernatur im Zug. Gleiches Ziel, gleiche Route. Schon am Gleis erkennst du drei Fremde, die immer, aber wirklich immer, mit dir reisen. Wie immer freust du dich halb über ihre bekannten Gesichter, die andere Hälfte in dir fragt sich, wie man mit dieser Situation eigentlich umgeht. Grüßen? Nicken? Ignorieren? Nur ja nicht zu viel Interesse zeigen, sonst kannst du dir das Lesen der Zeitung ab jetzt aufmalen.

"Harry Potter und der Feuerkelch"

5 Uhr morgens. Du quälst dich zum Bahnsteig. Wer auch immer diese Uhrzeit erfunden hat - du wünschst ihm nichts Gutes. In einem Schaufenster siehst du das Ergebnis der viel zu kurzen Nachtruhe - bleicher Teint, zerzaustes Haar, Augenringe wie Untertassen. Kaffee. Schwarz. Doppelt. Jetzt. Vor der Theke fragst du dich, wie lange ein einzelner Mensch brauchen kann, um einen mickrigen Becher aus der Maschine zu drücken. "Danke", mürrisch setzt du den heiligen Gral an. Aus dem viel zu kleinen Schnabeltassenloch im Plastikbecher kommt eh nie was raus, also saugst du dran. Das Höllenfeuer in deinem Mund wird dich noch eine Woche daran erinnern, was für ein gelungener Start in den Tag das war.

"Die Braut, die sich nicht traut"

Dein Stammplatz ist frei. Fahrtrichtung, Fenster, fußfrei - Jackpot. Von hier aus hast du den gesamten Wagen im Blick, siehst, wer aus- und einsteigt. Da kommt er. Wie so oft ist er in St. Pölten zugestiegen und setzt sich jetzt drei Sitzreihen weiter schräg gegenüber hin. Ein kurzer Blick, ein Lächeln. Oh, dieses Lächeln. Du weißt, du hast exakt drei Stationen Zeit, um ihn endlich anzusprechen. Wie oft hast du dir das schon vorgenommen, wie oft hast du dich gefragt, was er dann antwortet. Ob seine Stimme so schön klingt, wie er aussieht? Du fährst dir durchs Haar, und schaust betont uninteressiert durch die Reihen. Das muss er doch bemerken. Warum steht er eigentlich nicht auf und spricht dich an? Feige. Oder vergeben? "Linz Hauptbahnhof" - der Lautsprecher reißt dich aus den Gedanken und dann ist ER auch schon wieder weg. Beim nächsten Mal sprichst du ihn an. Ganz bestimmt.

"Täglich grüßt das Murmeltier"

Jedes Mal bevor du in die S-Bahn steigst, stellst du dich in die Schlange, begrüßt den rundlichen Herrn hinter der Auslage und dann ganz automatisch: "Ein Schinkenkäsestangerl und ein Schokocroissant, bitte." Das Angebot der kleinen Bäckerei vorm Bahnhof kennst du auswendig, trotzdem nimmst du immer dasselbe. Es ist einfach die perfekte Mischung aus süß und salzig. "Und einen Cappuccino?" Danke fürs Erinnern. Bernd Backwaren hat Recht. Vermutlich ist das nicht sein Name, aber du hast ihn so getauft. Mittlerweile bestellst du deinen Kaffee schon gar nicht mehr, weil Bernd deine Bestellung kennt.

Einen Tag später dasselbe Spiel. "Ein Schinkenkäsestangerl und ein Schokocroissant, bitte." Dein Sackerl liegt auf der Auslage. Sonst nix. Kein Cappuccino? Dir fällt auf, dass Bernd abgenommen hat, lange, rote Haare trägt und generell nicht Bernd ist. "Arbeitet hier nicht sonst ...?" "Der hat Urlaub. Darf es sonst noch was sein?" "Eine Apfelsaft gespritzt, bitte." Was Bernd kann, kannst du schon lange. Tapetenwechsel in Flüssigform.

 

 
 
 
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