25.10.2015

Leise Verzweiflung im K130J


TRAVEL
Text — Manfred Rebhandl



Dieser wirklich sehr heiße Sommer liegt über Europa, als ich am Bahnhof in Lemberg in der Ukraine für den nächsten Tag eine Zugfahrkarte nach Wien kaufen möchte. Um 8.16 Uhr, habe ich im Internet herausgefunden, geht der D108SH Richtung Chop an der ungarischen Grenze, von dort möchte ich mit dem IC33KJ der MAV weiter nach Budapest, wo ich locker den letzten Zug nach Wien erreichen würde. Prognostizierte Reisezeit: Schlanke 15 Stunden und 48 Minuten.

Aber die blondierte Schalter-Lady in der etwas zu engen Uniform, noch sowjetisch geschult und mit dem strengen Blick, den sie von Breschnjew gelernt haben muss, beharrt störrisch darauf, dass es nur eine durchgehende Verbindung mit dem D130J der ukrainischen Staatsbahn ab 05.32 gäbe, ohne Umsteigen. Ich nehme mein Ticket samt Reservierung entgegen. Am nächsten Morgen, es ist stockfinster und regnerisch nach einigen wirklich sehr heißen Tagen in Lemberg, wird vor die Garnitur, die aus Kiew kommt, noch ein Waggon gestellt, tannengrün mit Längsrippmuster. Da ahne ich noch nicht, dass der Aufwand buchstäblich nur für mich betrieben wird. Mein reservierter Platz befindet sich in einem engen Schlafabteil, das für sechs Leute gedacht ist. Ich merke bald, dass außer mir nur die beiden Zugbegleitern, eine junge Frau und ein müder, schmaler Mann nahe dem Pensionsalter, in meinem Waggon sind. Noch ahne ich nicht, dass das so für die nächsten 16 Stunden bleiben wird.   Der Mann hat meine Fahrkarte einkassiert, gerade als ich es mir für die Bummelei durch die Karpaten halbwegs gemütlich einrichte. Bei jedem Stopp, den wir einlegen, bin ich darauf vorbereitet, neu zugestiegene Fahrgäste in meinem Abteil begrüßen zu müssen, aber es passiert nicht. Niemand steigt zu, bis wir um 11.30 Uhr den Grenzbahnhof Chop erreichen.

Impressionen (c) Manfred Rebhandl Impressionen (c) Manfred Rebhandl

Als die ukrainischen Grenzer auftauchen, nehmen sie wortlos meinen Pass mit, und so kann ich den Zug nicht verlassen, um vielleicht doch noch den IC33KJ um 14.20 Uhr nach Budapest zu nehmen. Stattdessen spüre ich, wie mein versperrter Waggon abgehängt und mit einer Diesellok hin und her verschoben wird, bevor Dutzende Arbeiter ihn umringen und ein Hebekran sich direkt über mir in Stellung bringt: Umspuren von Breitspur auf Schmalspur steht nun auf dem Programm.

Bahnhof Chop (c) Manfred Rebhandl Bahnhof Chop (c) Manfred Rebhandl

Während eine Putzfrau die Glasfront des Bahnhofs mit Wasser aus einem Kübel anschüttet und dann putzt, rastet mein Waggon an zwei Wagenhebern rechts und links der Gleise ein. Die Arbeiter hantieren unter und neben mir, ihre Schläge treffen auf Metall, und irgendwann wird der Waggon unmerklich in die Höhe gestemmt. Ich kann nur erahnen, wie die russischen Breitspurachsen auf der einen Seite weg geschoben und die europäischen Normalspurachsen von der anderen Seite unter uns geschoben werden. Plötzlich sind sie alle weg, und es herrscht Stille, vollkommene. Meine Zugbegleiter schlafen, während die Sonne sich nun nachmittäglich von rechts herein schleicht, die prognostizierte Abfahrtszeit ist lange überschritten, der IC33KJ längst weg. Als ich spüre, dass wir wieder irgendwohin verschoben werden, sind auch meine beiden Zugbegleiter aufgewacht. Sie lachen, als ich sie frage, wann es denn nun endlich weiter geht und ob ich meinen Zug in Budapest noch erreiche, denn sie verstehen mich nicht, und ich verstehe sie nicht. Als ich Anzeichen leiser Verzweiflung erkennen lasse, strafen sie mich mit verächtlichem Blick. Wer es nicht zu schätzen weiß, von zwei Leuten auf einer geheimnisvoll sinnlosen Fahrt begleitet zu werden, der soll nicht mit Liebe und Anerkennung rechnen.
 
 
 
 

Manfred Rebhandl
geb. 1966 in Oberösterreich, lebt als Autor in Wien. Er schreibt Krimis um den Superschnüffler Rock Rockenschaub, die am Wiener Brunnenmarkt angesiedelt sind. Zuletzt erschien aus dieser Reihe TÖPFERN AUF KRETA (Czernin-Verlag). Eine Dramatisierung seines Krimis DAS SCHWERT DES OSTENS läuft im Wiener Rabenhoftheater mit Gregor Seberg in der Hauptrolle.
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