01.11.2015

Spielend reisen. Baudenbachers Eisenbahnspiel.


TRAVEL
Text — Ernst Strouhal



Ein Lied aus meiner Kindheit handelt von der Schneckenpost: I fahr, i fahr, i fahr mit der Post / Fahr mit der Schneckenpost / die mir kan Kreuzer kost / I fahr, i fahr, i fahr mit der Post. Das Lied mit der fröhlichen Terz und der nachdenklichen Quint am Anfang ist musikalisch dem alte Posthornsignal nachgebildet. Die Schneckenpost (snail-mail) erinnert an die Zeit vor der Eisenbahn, sie parodiert die so genannte Schnellpost, die nicht ganz so schnell war, wie ihr Name vermuten lässt.

Von Paris nach Nîmes war eine Kutsche zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch sechs Tage, manchmal auch acht, unterwegs; ein Jahrhundert später dauerte die Reise von Paris nach St. Petersburg im Wagen der preußischen Post zumindest 23 Tage. Geschwindigkeit und Ausstattung der Postwagen war sehr verschieden, die Dauer der Reise stark abhängig von Witterung und Landschaft, Unfälle und unvorhergesehene Aufenthalte waren häufig. Eine Wiederbegegnung mit der Melodie der Kindheit brachte das Spiel Schneckenpost (L Escargot en voyage), das ich bei einer Reise an den Genfer See im Archiv des Schweizer Spielemuseums entdeckte; es ist ein unscheinbares Rennspiel über 77 Felder einer Schweizer Landkarte. Spiele mit geografischen Themen sind eine besondere Form der Zimmerreise: Man reist mit dem Finger über die Landkarte; der Vorteil solcher Reisen ist, dass das Ziel stets kaum mehr als eine Handbreit entfernt ist. Seit fast 400 Jahren erscheinen in ganz Europa prächtige Spiele, die solche imaginären Reisen vom Tisch aus ermöglichen. Auf einer spiralförmigen Bahn begeben sich die Spieler auf eine abenteuerliche Fahrt. Die Spielpläne laden ein zu unterhaltsamen und aufregenden Expeditionen durch unbekannte Städte und Kontinente, in exotische Länder und fremde Welten, oder rund um die Welt. Der Zufall regiert, die Reise am Papier ist unwägbar wie das Leben selbst. Mitunter sind Fahrzeug und Technik bedeutsamer als die Reise und ihr Ziel. Man erlebt riskante Aufstiege mit eleganten Montgolfièren, fliegt mit Zeppelinen durch Gewitterstürme, reist routiniert mit der Schnellpost, wagt kleine Fluchten auf dem Fahrrad (oder eben auf Schnecken), eine besondere Faszination übt die Eisenbahn aus. Als das Symbol der industriellen Revolution, ihrer Möglichkeiten und Gefahren machten Eisenbahnen auch in der Spielkultur des 19. Jahrhunderts eine steile Karriere: in Form von Eisenbahnmodellen aus Holz oder Stahlblech, als Puppen und Kostüme, die im Rollenspiel eine Existenz als Lokführer oder Schaffner imaginierten, als Motiv auf Spielkarten und als Thema von Brettspielen. Die Spiele bilden zum einen die Technik und Geschwindigkeit der Maschinen ab, sie repräsentieren aber auch die neue, strikte Organisationsform des Eisenbahnwesens. Das zweisprachige Eisenbahn-Spiel (Jeu de Chemin de Fer) zeigt eine Eisenbahnfahrt über Land, mit einzelnen Szenen wie Warten (Feld 13), Abschied mit Tränen und artigem Händedruck (18), Eile (26), dem Fragen am Bahnsteig (29) und Einsteigen (23), dem Öffnen des Schrankens (noch auf die Seite und nicht in die Höhe, 35), bis der Bahnhof (36) erreicht ist. Eisenbahnspiel2 Das Eisenbahnfieber und die Angstlust vor Unfällen und Geschwindigkeit, die die Erzählungen über Eisenbahnreisen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmten, scheinen der Routine gewichen. Erstaunlich ist der Perspektivwechsel der Blicke in der Erzählung des Spiels: Einmal blicken wir auf den vorbeifahrenden oder entgegenkommenden Zug (etwa Feld 7, 8 20, 28), zum anderen betrachten wir Bürger (12), Händler (21) und Bauern (22) beim Betrachten des Zuges. Seltener wird der Blick des Passagiers aus dem Zug abgebildet (etwa auf den Postillon, 11, oder auf die Kutsche auf Feld 15), nur eine einzige Szene (14) scheint im Zugabteil zu spielen. Eisenbahnspiel3 Das Spiel erschien zwischen 1890 und 1900 bei C. Baudenbacher in Nürnberg, mit über 100 Mitarbeitern war die Firma einer der bedeutendsten Spielwarenhersteller in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Baudenbachers Musterbuch ist kulturhistorisch bedeutsam, zeigt es wie die Spielwarenkataloge von Peter Friedrich Catel von 1790 und Georg Hieronimus Bestelmeier (1803) doch den Kontext, in dem das Spiel publiziert wurde, und die Veränderungen in der Spielkultur am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Bandbreite der Produkte war bereits enorm, noch zur Mitte des Jahrhunderts hatte das Unternehmen eher einfache Holzspielzeuge und Haushaltswaren produziert, ab 1870 expandierte das Geschäft, das Sortiment wurde immer differenzierter. Im Angebot finden sich neben Zauberrequisiten und Sportgeräten auch Brettspiele wie das Eisenbahn-Spiel. Gespielt wurden die Reisespiele von Erwachsenen, und zwar wie alle Spiele der Zeit auch und vor allem um Geld. Erst später wurden sie ein Schicksal, das sie mit vielen Gesellschaftsspielen und Romanen teilen in die Kinder- und Jugendkultur zurückgestuft. Das Unternehmen war 1835 vom Drechselmeister Caspar Baudenbacher (1803 1876) gegründet worden, just im Jahr, als die erste deutsche Eisenbahnlinie zwischen Nürnberg und Fürth eröffnete. * Das Eisenbahn-Spiel ist Spiel No. 31 (von 63) in Ernst Strouhals Die Welt im Spiel. Atlas der spielbaren Landkarten. Brandstätter Verlag 2015 (ISBN 978-3-85033-929-2, 58.-). https://www.brandstaetterverlag.com/buch/die-welt-im-spiel  
 
 
 
 

Ernst Strouhal
unterrichtet an der Universität für angewandte Kunst in Wien; Autor, Publizist, Herausgeber (Passagen des Spiels??), Mitarbeit bei vielen Ausstellungen. Zuletzt in Buchform erschienen:  Im Zoo der imaginären Tiere. Vom Projekt einer Ästhetischen Menagerie (2012); Marcel Duchamp / Vitali Halberstadt. Spiel im Spiel (2013); Die Welt im Spiel. Atlas der spielbaren Landkarten (2015).
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