15.11.2015

"Alles einsteigen, bitte!"


TRAVEL
Text — G. Apo Stadler



Vom Wörthersee zum Baikal -  Der Zug der ÖBB gleitet im Flüsterton von Station zu Station. Entspannt lehne ich mich im komfortablen Sitz zurück und genieße die vorbeifliegende Landschaft. Es ist ein herrlicher, sonniger Herbsttag. Meine Gedanken werden nur von einer freundlichen Damenstimme, die die Bahnstation ansagt, unterbrochen. Ich schlürfe Sekt und erinnere mich an meine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn von Irkutsk nach Ulaan Baator. Der Wörthersee zieht an mir vorbei. Kaum zu glauben, dass es schon wieder acht Jahre her ist, seit ich am Baikalsee, dem größten und ältesten Süßwassersee der Erde war. Seine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt als Beispiel fällt mir die Baikalrobbe ein machte ihn 1996 zum UNESCO Weltkulturerbe. Er ist 630 Kilometer lang, bis zu 80 Kilometer breit, und seine mittlere Tiefe beträgt über 700 Meter. An der tiefsten Stelle werden etwa 1.630 Meter gemessen. Iwan, ein russischer Student, erzählte mir, dass der Angara, der einzige Abfluss, ca. 400 Jahre fließen könnte, wenn man alle Zuflüsse unterbinden würde. Unser wunderschöner Wörthersee hat bei diesen Gedanken plötzlich Minimundus-Format.

Baikalsee (c) ???????? ???????? Baikalsee (c) ???????? ????????

Unser Zug befindet sich nun in Maria Saal. Grüne Wiesen, der hoch stehende Mais und der einzigartige Dom erfreuen mein Auge. Der Bahnhof in Irkutsk war ebenfalls ein riesiges Gebäude. Die Fassade war in den Farben Grün, Beige und Weiß gehalten und in luftiger Höhe wehten hunderte Wimpel in Rot und Gelb. Es herrschte ein Gedränge, wie man es sich nicht vorstellen kann. Nur zäh setzte sich die Menschenmenge in Bewegung. Ich spürte jedes Gramm meines Rucksacks, doch die Angst ließ meine Hände Brieftasche, Reisepass und Dokumente fest umklammern. Der Zug kam mit einiger Verspätung, schien auf keiner An- und Abreisetafel auf. Es dauerte eine Weile, bis ich mein Schlafabteil gefunden hatte. Ich teilte es mit meiner Reisegefährtin Anna und einem netten Portugiesen. Meine Gedanken werden jäh unterbrochen, denn ich bekomme ein weiteres Glas Sekt und Kartoffel-Chips. Ein Turbo, um meine Gedanken nunmehr zu Papier zu bringen. Die freundliche Stimme meldet: "St. Georgen am Längsee". Sekt und Chips erinnern mich an die Kulinarik im Zug durch Sibirien. Es gab eigentlich keine Versorgung. Wohlweislich hatte ich damals eine Stange Salami von zu Hause mitgenommen. In meinem Rucksack befanden sich noch Teebeutel und Löskaffee. Heißwasser konnte ich von einem Boiler am Gang zapfen. Dieser Wasserkessel wurde jeden Tag in der Früh von Zugbegleiterinnen mit Kohle befeuert und das Wasser war quasi unsere Grundversorgung. "Passering!" tönt es aus dem Lautsprecher. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir viel, viel Wald, grüne Wiesen und weidende Kühe. Wir stoppen an einer Haltestelle, kein Bahnhofgebäude ist in Sicht. Zwei Jugendliche steigen ein.

Ausblick (c) Phillip Horak Ausblick (c) Phillip Horak

Next Stop: "Kappel am Krappfeld". Eine kleine Kirche befindet sich mitten im Tal. Meine Gedanken kreisen jetzt wieder um Sibirien. Ich erinnere mich an eine eher kahle Landschaft, kleine Dörfer umgeben von einem Bretterzaun. Die Hütten aus Holz und Blech, die spielenden Kinder am Bahnsteig spiegeln die Armut dieser Gegend. Hühner und Kühe wagen sich bis an die Geleise um Futter zu finden. Treibach/Althofen wird passiert und in Sibirien steigt eine Frau zu. Eine Frau und was für eine! Ihre Taschen, Koffer und Kartons wurden von zwei Leuten des Zugpersonals getragen. Man setzte sie in unser Abteil. Wir konnten uns nicht verständigen, doch sie bat mich mit Gesten, einige ihrer Gepäckstücke als die meinigen zu deklarieren. Ich roch den Braten und verneinte mit heftigem Kopfschütteln. Während nun der Zug in Micheldorf-Hirt hält, erreichten wir in Sibirien Nauschki. Es war der letzte Ort vor der mongolischen Grenze. Ausnahmslos alle mussten aussteigen und wie wir erfahren durften, war eine Aufenthaltsdauer von 6 1/2 Stunden eingeplant. Zeit also genug, um die Gegend ein wenig zu erkunden. Es gab einen kleinen Markt, doch das Angebot war mehr als dürftig. Meine Ausbeute war ein großer Sack bunt gemischter Zuckerl, die ich den mongolischen Kindern mitbringen wollte. Die Zeit verging rasch, fast genauso, wie wir in diesem Augenblick die Stadt Friesach erreichen. Den ganzen Sommer über wollte ich hierher kommen, um den Bau einer mittelalterlichen Burg mit mittelalterlichen Methoden mitzuerleben. Es war leider nicht möglich, denn meine Frau und ich erhielten Besuch aus Indien, der Schweiz, Deutschland, Holland, Spanien und Japan. Es waren lauter liebe Menschen und die Sommermonate vergingen wie im Flug. Apropos, das Wort Flug erinnert mich an die Dame in der Transsibirischen Eisenbahn. Die Grenzkontrolle wurde von einer in fescher Uniform gekleideten mongolischen Beamtin durchgeführt. Koffer und übrige Gepäckstücke interessierten sie überhaupt nicht. Einige Geldscheine, ich weiß nicht wie viele, wechselten den Besitzer. Nach einer ruhigen Nacht begann der Morgen zu grauen. Der Zug verlangsamte die Fahrt, das Fenster wurde geöffnet und ein gellender Pfiff ertönte. Unsere Dame, ich nenne sie "Schmuggolanska", warf ein Gepäckstück nach dem anderen in das Halbdunkel. Der Inhalt war nicht schwer zu erraten und nach gelungener Übergabe gab es von uns viel Applaus. Viele Mongolen bekamen somit eine Versorgung mit Medikamenten, Zigaretten und auch Alkohol. Diese Episode werde ich nicht so schnell vergessen. Die ÖBB befinden sich auf der Rückfahrt und wir passieren wieder Passering. Wir sind genau in der Zeit. Genau so pünktlich wie die "Transsib", die in Ulaan Baator die Planankunft genauestens eingehalten hatte. 7.500 Kilometerm ist die Entfernung zwischen Klagenfurt und Irkutsk. Ich bin dankbar, ich konnte sie gedanklich in ca. zwei Stunden zurücklegen. Auch eine Punktlandung, oder? Der Text von G. Apo Stadler entstand während der "Schreibnacht im Zug"  am 22.9.2015 von Villach nach Friesach und retour anlässlich der Europäischen Mobilitätswochen  
 
 
 
 

G. Apo Stadler
geb. 1948, lebt in Köttmannsdorf bei Klagenfurt. Er ist Reisender aus Leidenschaft und Autor. Inhalte von Reisetagebüchern werden in Kurzgeschichten öffentlich gemacht. Mitglied der Kärntner Schreiberlinge, Klagenfurt, der IG Autorinnen und Autoren, Kärnten,  Buch 13, Villach.
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