21.12.2018

Weihnachts-geschichte: Die Vermessung der Welt aus dem Zug


ENTSPANNT UNTERWEGS
Autor — Jasmin Kreulitsch



Weihnachten beginnt für viele mit der Reise nach Hause. Diese Fahrt hat einen besonderen Zauber, denn am Ende des Weges wartet die Familie. Eine Liebeserklärung an Bahnreisen im Winter - und eine Weihnachtsgeschichte übers Ankommen und Heimkommen.

Ich spüre es schon am Bahnsteig. Es liegt Erwartung in der Luft, ein Hauch Vorfreude auf das, was am Ende dieser Zugfahrt liegen mag. Nicht nur bei mir. Die Bahngleise sind voller als sonst, die Gesichter freundlicher und in vielen Reisetaschen blitzt buntes Geschenkpapier auf. Es ist Weihnachten - und es ist Zeit, nach Hause zu fahren.

Als der Zug bereitgestellt wird, spüre ich ein Kribbeln im Bauch. Weihnachten beginnt für mich nicht am 24. Dezember, wenn meine Nichte mich freudig mit den Worten "Tanti, heute gibt's Geschenke!" weckt. Auch nicht, wenn wir am festlich gedeckten Tisch sitzen und Raclette essen, bis sich alle die Bäuche halten, oder in jenem Moment, in dem wir mehr schlecht als recht "Stille Nacht" anstimmen und mein Vater wie immer sagt: "So furchtbar klang das ja noch nie, ich brauch' einen Schnaps".

Frau malt Xmas-Schriftzug auf Fenster

Weihnachten beginnt für mich jedes Jahr mit dem schrillen Pfiff am Bahnsteig, der die Abfahrt des Zuges ankündigt, der mich nach Hause bringt. Platz suchen, Koffer abstellen, Geschenkesackerl verstauen. Hinsetzen, hinausschauen, hineinhorchen. Auf mich, meine Vorfreude, meine Sehnsucht. Denn jedes Mal, wenn sich kurz vor Weihnachten der Zug langsam in Bewegung setzt, setzt sich auch in mir etwas in Bewegung.

Heimfahren, das ist immer etwas Besonderes. Manchmal vergehen Monate, in denen ich meine Eltern nicht sehe. Bei vielen Telefonaten schwingt ein Hauch Vermissen zwischen den Worten mit, doch der hektische Alltag - ihrer wie meiner - trennt uns oft länger voneinander, als wir es wollen. Heimfahren, das ist jedes Mal schön, aber zu Weihnachten ist es das glückliche Tüpfelchen auf dem glitzernden i. Es sind jene Tage, wo alles andere keine Rolle spielt. Arbeit oder Ärger, Stress oder Sorgen? Schrumpfen zusammen, je näher man dem Zuhause kommt. Was jetzt zählt, ist die Familie.

Sonnenuntergang, verschneite Zuggleise

Als wir nach dem Semmering die Steiermark erreichen, sehe ich den ersten Schnee. Erst nur an wenigen Stellen, doch je weiter wir fahren, desto weißer wird die Welt und die Stimmung verändert sich. Eine Bahnfahrt im Winter durch verschneite Landschaften grenzt fast an Poesie: Die Zeit scheint langsamer zu vergehen, als ob der Schnee die Zugfahrt hinhalten würde, damit auch wirklich jeder genug Zeit hat, seine Pracht zu bestaunen. Das endlose Weiß vor dem Fenster hat eine beruhigende Wirkung und dämmt die Geräusche. Es ist, als würden alle plötzlich ehrfürchtig innehalten und beseelt aus dem Fenster schauen. Denkt ihr auch gerade an Weihnachten? An die Zeit daheim, die mit Lachen gefüllt ist?

Zug fährt durch verschneite Landschaft

Was sich vor den Augen öffnet, ist dieselbe Landschaft wie immer. Doch die Gegend, die man eigentlich kennt, wirkt mit einem Mal fremd und verzaubert. Es ist beinahe so, als würde man den Weg zum ersten Mal fahren, und dieser neue Blickwinkel auf Altvertrautes macht die Reise doppelt so schön. Der Zug rattert über eisige Gleise, es fängt an zu schneien. Der Weg verkürzt sich immer mehr, die Vorfreude wächst mit jedem Kilometer.

Frau schreibt Hohoho auf Fenster

Meine Eltern warten nicht auf dem Bahngleis. Ihr Auto steht wie immer auf ihrem Geheimparkplatz, nur wenige Meter entfernt. Von hier können sie beobachten, wann der Zug einfährt. Als ich aussteige, weiß ich, dass mir mein Vater entgegenkommen wird; angeblich, um sich kurz die Beine zu vertreten, in Wahrheit aber, weil er die Zeit bis zu unserem Wiedersehen um wenige Meter verkürzen will. Wir gehen zum Auto, hinter der angelaufenen Scheibe kann ich das Gesicht meiner Mutter und ihr inniges Lächeln erahnen. Das Wiedersehen mit den beiden fühlt sich so süß an wie die Vanillekipferl, mit denen ich gleich gemästet werde. Ich bin da, wo ich hingehöre. Es ist Weihnachten - und ich bin zu Hause.

 
 
 
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