29.11.2015

... und ein paar Hühner sind auch dabei...


TRAVEL
Text — Georges Desrues



Am Bahnschalter des idyllischen kleinen Bahnhofs in der Kleinstadt Ella im Hochland von Sri Lanka stellt sich auch schon die entscheidende Frage. Sollen wir eine Fahrkarte für die erste, die zweite oder gar die dritte Klasse lösen?

Für die Erste spricht, dass man sich hier naturgemäß mehr Komfort erwarten kann, großzügige Panoramafenster und eine angenehme Klimaanlage, das alles zu für europäische Budgets extrem niedrigen Preisen. Die dritte Klasse klingt freilich gleichfalls verlockend: gemeinsam mit den örtlichen Bevölkerung reisen, mit den Schulkindern, den Bauern und den Familien, die ihre Verwandten besuchen fahren. Die Leute spielen Karten und Brettspiele, ja in einigen Wagons sogar Musik, die Stimmung ist einzigartig. Ein paar Hühner sind auch dabei. Und freundlich sind in Sri Lanka ja sowieso alle. Doch beide Klassen haben auch Nachteile. In der ersten sitzt man nahezu ausschließlich zwischen Touristen, durch die Fenster bekommt man zwar die atemberaubende Landschaft mit, doch mit Einheimischen ins Gespräch kommt man nicht. Und wozu braucht man eigentlich eine Klimaanlage, wenn man im Zug durchs Hochland Sri Lankas fährt, wo sich die Temperaturen sowieso ständig um die 20 Grad bewegen? Noch dazu, wo die Fenster sich wegen der Klimaanlage nicht öffnen lassen und man Fotos nur durch die geschlossenen Scheiben schießen kann? In der dritten Klasse lassen sich zwar die Fenster öffnen, doch dort einen Fensterplatz zu ergattern, ist in den gutgefüllten Wagons alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Einheimische gibt es freilich genug, allerdings vielleicht etwas zu viele und zu sehr auf Tuchfühlung, denn das Gedränge auf den Holzbänken ist nicht jedermanns Sache. Bleibt noch die zweite Klasse. Und die entpuppt sich schon bei Besteigen des Wagons als bestmögliche Wahl. Die Sitze sind bequem, Platz ist auch genug, zwischen einigen gut informierten Touristen finden sich auch ein paar Einheimische, zumeist Mitglieder der Mittelklasse, folglich des Englischen mächtig. Und man kann die Fenster öffnen.

Sri Lanka Train Ride (c) Garret Clarke Sri Lanka Train Ride (c) Garret Clarke

Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und verlässt den Bahnhof auf 1000 Meter Seehöhe. Durchs Fenster ist am Bahnsteig noch der Stationsvorstand zu sehen. In perfekt gebügelter Uniform und mit glänzend schwarzen Schuhen bläst er in seine Pfeife und kontrolliert mit strengem Blick das Abfahrts-Manöver. Umringt wird er von unzähligen Schülern, die den Zug hier verlassen haben, sie gleichfalls in Uniformen, je nach Geschlecht in blütenweiße Hosen und Röcken, aber alle mit Krawatte. Die Uniformen sowohl der Bahnbeamten als auch der Schüler sind Erbstücke der britischen Kolonialherren, die das Land bis in die 1950er Jahre beherrschten. Sie waren es auch, die diese Bahnlinie hinauf in die Berge bauten, um den Tee aus den Plantagen hinunter zu den Häfen an der Küste zu bringen; oder sich selbst hinauf in die Stadt Nuwarelya, eine sogenannte Hill Station, in deren kühlerem Klima sie Erholung von der tropischen Hitze suchten, in den umliegenden Wäldern auf die Jagd gingen oder in herrschaftlichen Villen und Hotelanlagen Bridge oder Golf spielten.

Ruhunu-Kumari-Express-Train-(c)-Hafiz-Issadeen Ruhunu-Kumari-Express-Train-(c)-Hafiz-Issadeen

Laut zischend quält sich der blaue Zug durch das üppige, dunkelgrüne Dickicht, durch Tunnels und über Brücken die steile und kurvenreiche Strecke hinauf in die Wolken. Zu beiden Seiten wird die Landschaft immer dramatischer, der Horizont zunehmend weiter, der Blick auf Dschungel und Bergwelt immer atemberaubender. Durch die offenen Fenster lassen sich bei geringer Geschwindigkeit hervorragende Fotos schießen. Es geht vorbei an Dörfern und Wasserfällen, an Kricket-Spielern und buddhistischen Stuppas und schließlich hinein in die Teeplantagen. Hier wachsen einige der besten Teesorten der Welt. Zwischen den säuberlich gepflegten und gestutzten hüfthohen Teebuschen stehen tamilische Teepflückerinnen in farbenfrohen Saris und zupfen die frischen Blätter von den Buschen, bevor sie sie in die Säcke auf ihren Rücken tun. Als billige Arbeitskräfte wurden ihre Vorfahren im 19. Jahrhundert von den Briten aus Südindien hergebracht und angesiedelt. Bis heute haben sie sich als hinduistische Minderheit unter den mehrheitlich buddhistischen Singhalesen ihre Sprache und Kultur bewahrt. Freundlich lächelnd winken sie dem Zug und seinen Passagieren zu. Mit einem Ticket für die zweite Klasse kann man selbstverständlich auch einen kleinen Abstecher machen in die dritte Klasse und anschließend wieder zurückkehren auf seinen Platz. Der Abstecher zahlt sich aus. In den vollgefüllten Wagons herrscht Bombenstimmung, die Einheimischen lachen, wundern und freuen sich zugleich über die Besucher aus dem Westen, die sie hier offenbar nicht erwartet haben. Einige bieten Samosas an, frittierte kleine Teigtaschen, gefüllt mit scharfem Fleisch- oder Gemüsecurry. Wir verständigen uns mit Zeichensprache, ein junger Mann, der ein paar Brocken Englisch spricht, bietet sich als Übersetzer an. Plötzlich hält der Zug an seinem Zielbahnhof in der Stadt Nuwara Eliya in knapp 1900 Metern Seehöhe. Viel zu früh ist die Fahrt vorbei. Die Landschaft haben wir gesehen, die Fotos geschossen, die Bevölkerung aber gerade erst kennengelernt. Für die Rückfahrt kaufen wir Tickets in der dritten Klasse.
 
 
 
 

Georges Desrues
ist in Paris geboren, in Wien aufgewachsen und lebt heute als freier Journalist in Italien. Über die Themen Reisen, Essen, Trinken und Landwirtschaft schreibt er für zahlreiche Zeitungen und Magazine im In- und Ausland, darunter Die Welt, Der Standard, Profil, Trend und A la Carte. Zudem ist er Herausgeber des alljährlich erscheinenden Lokalführers Slow Food Gasthäuser in Österreich.
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