06.12.2015

Die Besetzung des russischen Klos durch Deutsche


TRAVEL
Text — Martin Amanshauser



Im April 1992 bestand der Osten für mich aus Gerüchten. Es hieß, auf den Straßen Moskaus würde Anarchie herrschen. Bärtige Männer schliefen unter Pappkartons. Auf dem Boulevard Twerskaja packte mich eine diffuse, unkontrollierbare Angst vor dem Fremden. Ich zitterte vor den Schwarzwechselbanden. 2005 entwickelte ich am gleichen Ort hingegen absolut keine Angst mehr. Vielleicht wurde ich deshalb 2005 überfallen. Zwei korrupte Polizisten pressten mir 50 Dollar ab, weil ich den Reisepass im Hotel vergessen hatte.

1992 hatte ich ein Ticket für die Transsibirische Eisenbahn nach Beijing. Spätabends, am Moskva Jaroslavskaja wurden wir von einer herben Prowodnitsa durch Menschentrauben geschleust, wo sich unsere Konkurrenten mit minderwertigen oder gefälschten Tickets vergebens Eintritt zu verschaffen suchten. Da war ein Viererabteil (Raucher) mit zwei Nichtraucherinnen aus Finnland. Sie forderten Rauchfreiheit, im Jahr 1992 war das eine Zumutung, aber man war dann eben galant. (Dumme Kühe.) Moskva Jaroslavskaja, 2005. Der Bahnsteig ist von unsoliden Elementen gesäubert. Wo früher die Luft vibrierte, stehen heute Menschen mit gültigen Tickets geduldig wie bei Pizza Hut. They wait till they get seated. Die Waggons sind die gleichen, bei den Prowodnitsas hat der raue Charme der Diktatur sich mit dem Dienstleistungslächeln der neuen Gesellschaftsform vermischt. Wissen Sie , erzählt Frau Oxana, 49, eine Prowodnitsa ist Servicefrau, Verkäuferin, Kontrolleuse, Buchhalterin, Putzfrau, im Winter Heizerin. Da gießen wir nämlich kochendes Wasser in die fahrenden Klomuscheln.

(c) Martin Amanshauser (c) Martin Amanshauser

1992, wilde Reise in den eisigen Osten. Vladimir, Balezino, Perm, Jekaterinburg. Dichte Wälder, gefrorene Sümpfe. Weiße Bäume, graue Hütten, weiße Bäume. Die Landschaft veränderte sich drei Tage lang kaum. Dünne Schneeflocken liefen wie Striche die Scheiben hinunter. Tjumen, Omsk, Novosibrisk. 20-Minuten-Stops. Auf den Bahnsteigen: trockenes Brot. Dosen mit dem Kaviar von der Krim. Malzbier. Trotz der Temperaturen war das Bier warm. Wir tranken es in einem Abteil mit sechs jungen russischen Businessmen . Einer von ihnen bot mir Cognac an Napoleon. Er lachte. Ich verstand nicht. Echt! Echt Cognac Napoleon! Er öffnete einen seiner Koffer. Eine Kiste mit 2000 Etiketten, Cognac Napoleon. Krasnojarsk, Ilianskaja, Tajshet. 2005. Die Ausländer, meist Deutsche, belegen die Viererabteile jeweils zu zweit, teurer Westluxus. Die Porwodnitsas sind begeistert. Der deutsche Gast ist der beste. Mehr Trinkgeld, weniger Alkoholchaos, weniger Müll , fasst Frau Oxana zusammen. Aber das Klo ist dauernd besetzt. Wir fragen uns immer, was die Deutschen da drin machen ... Die deutschen Gäste wunderten sich hingegen lautstark über die Sauberkeit in Russland. Sie hatten dicke Bäuche wegen den Passporttäschchen, die ihnen um den Hals hingen, teilweise verfügten die Schnüre über Bepolsterung gegen eventuell auftretenden Dekubitus. Sibirischer Abend die Sonne ging unter, sie sangen: Der Mond ist aufgegangen . Ich überlegte, was meine Generation eines Tages singen wird. Smells like teen spirit ?

(c) Martin Amanshauser (c) Martin Amanshauser

1992. Der Samowar liefert Heißwasser für Tee, der Wodka geht die Runde, irgendwann wird ein Transsibirischer Waggon zu einer großen, schicksalhaft verbundenen Familie. Zum Wodka und zu den Klappbetten passt ein russisches Sprichwort: Wir sitzen eng, aber niemand ist beleidigt. 2005. Die russischen Männer sind reich oder arbeitslos. Viele imitieren, je nach Körperbau, Schwarzenegger oder Putin. Der fette Nacken, die Muskelleibchen, die blasse Hautfarbe, die blutleeren Lippen, und Trainingshosen. Die russischen Frauen? Sind noch echte Frauen , sagt ein dicker Deutscher und deutet auf ein dünnes, 17-jähriges Mädchen, das aussieht wie eine Nutte. 1992. Nach Irkutsk ändert sich die Landschaft. Gelbschattierungen, hellgelb, wüstengelb, sandgelb, zwischen Steppe und Wüste und der Weite des Baikalsees. Der weiße Schaum, den die Zellulosefabrik an der Südküste absondert. Chinesen und Russen, alle versierte Businessmen, übervorteilen einander. Die Chinesen mit ihren flinken Fingern sind immer einen Hauch schneller, die melancholischen Russen hetzen wütend mit erhobenen Heizschaufeln hinter ihnen her.

(c) Martin Amanshauser (c) Martin Amanshauser

Dann die verzweifelten Hundeaugen. Durch die Gänge wuseln Dutzende kleine Hunde, mitgeschmuggelt von einigen chinesischen Passagieren to sell Russian dog in China. Der Gestank der Hündchen dringt durch alle Ritzen. Nachts ist es schwierig, aus dem Stockbett zu klettern, ohne einem Tier die Wirbelsäule durchzutreten. Bei Ulan Ude steigt die Nervosität: die mongolische Grenze. Sie packen die Hündchen in die Koffer. Das leise Quietschen und Heulen der Tiere da drin. Als der mongolische Zöllner ins Abteil tritt, ist kein Vierbeiner zu sehen. Die Zweibeiner reden forciert laut, um das Hundequietschen zu übertönen. Der Mongole lässt sich nicht täuschen. Bitte öffnen Sie diesen Koffer! Zitternde Tiere werden ans Licht gezogen. Dann macht der Zöllner mit einem Imbusschlüssel die Fensterkippe auf und wirft ein Hündchen nach dem anderen unter dem Wimmern ihrer Besitzer aus dem fahrenden Zug, hinaus in die kalte Nacht. Der mongolische Zöllner deutet mit finsterer Miene auf meinen Seesack, den ich ihm bereitwillig entgegen halte. Er öffnet ihn und zog mit raschem Griff einen kleinen gefleckten Hund hervor, der vor Angst zittert. Ohne einen Blick an mich zu verschwenden, wirft er auch dieses Tier aus dem Fenster.
 
 
 
 

Martin Amanshauser
geb. 1968 in Salzburg, lebt in Wien und Berlin, obwohl er nicht daran glaubt, dass man in zwei Städten leben kann. Er schreibt jeden Freitag in „Die Presse“ die Reisekolumne „Amanshausers Welt“. 2015 ist sein Roman „Der Fisch in der Streichholzschachtel“ (Deuticke Verlag) erschienen.
Weitere Stories

PEOPLE & LIFESTYLE
Zugstars
 
PEOPLE & LIFESTYLE
Mein Zürich
 
TRAVEL
Salzburger Almsommer
 
PEOPLE & LIFESTYLE
Gasthaus Weiserhof