20.12.2015

Nachhause fahren


TRAVEL
Text — Vea Kaiser



Sollte der Spruch, Home is where the Wifi connects automatically, Recht haben, wäre mein Zuhause auf der Schiene. Ganz egal, in welchen Zugtyp ich einsteige: wenn er Internet ermöglicht, wollen sich mein Handy und mein Laptop ins WLAN einwählen, noch bevor ich die Jacke ausgezogen habe. Seit ich vor acht Jahren zum Studieren nach Deutschland ging, bin ich mehr unterwegs, als an einem Ort anzutreffen.

Und dieses unterwegs ist fast immer ein Zug denn Fliegen nervt. Man verschwendet immens viel Zeit mit Wartereien in endlosen Schlangen und Wanderungen durch städtegroße Flughäfen, wird behandelt wie ein Schwerverbrecher und schlussendlich wie eine Sardine in eine Büchse gequetscht. (Außerdem ist der Kaffee grauslich.) Als ich 2008 in Niedersachsen lebte, reiste ich regelmäßig vom zweittrostlosesten Bahnhof Deutschlands, und zwar Hildesheim, (dem einzigen Bahnhof, an dem sogar der McDonald s einging), mit der Regionalbahn nach Hannover und von dort mit dem ICE zum trostlosesten Bahnhof Deutschlands, und zwar Würzburg. Die lange Reise störte mich nie, denn nebst der Tatsache, dass ich ohnehin nur vier Minuten zum Umsteigen hatte, klopfte mein Herz in Würzburg stets wie verrückt: schließlich ging es von dort weiter zu Familie und Freunden nach Österreich.   RJ WLAN (c) Philipp Horak   Schon ein Jahr später schmiss ich das Studium und kehrte zurück nach Wien, während viele meiner Studienfreunde nach Berlin zogen. Meine neue Lieblingsstrecke wurde Wien Meidling Prag Dresden Berlin. Unzählige Kapitel meines ersten Romans entstanden auf dieser zehnstündigen Zugfahrt, denn während man durch Tschechien fährt, lenkt einen nicht einmal die Landschaft ab. Erst in der Sächsischen Schweiz tauchen neben den Fenstern wieder atemberaubende Kulissen auf, was aber den Arbeitsfluss nicht stört, da es draußen bereits dunkel ist, wenn der Zug dort durchfährt. Vor sechs Jahren verliebte ich mich in einen Zürcher, woraufhin ich alle zwei Wochen die achtstündige Bahnfahrt in die Schweiz antrat. Die Route Wien Zürich darf sich gut und gerne als die schönste Strecke quer durch die Alpen bezeichnen. Wenn der Zug unter dem Arlberg hindurch rollte, lief mir jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken. Ein Demut erregender Gedanke, knapp zweitausend Meter rohen Fels über sich zu haben. Im letzten Stück der Reise schlängelte sich der Zug eng am Zürichsee vorbei, die Postkartenschweiz baute sich vor den Fenstern auf, ehe die Zugfahrt, die in einem Kopfbahnhof begonnen hatte, in einem anderen endete. Seit 2012 mein erster Roman erschien, reise ich mit meinen Büchern durch ganz Europa. Ich habe in der Zwischenzeit drei Lieblingsstrecken auserkoren: die erste führt nach Prag, wo die erste Klasse voll ist mit aufgedrehten Indern und Amerikanern, die Europa durchwegs awesome finden. Die zweite führt nach Köln, wo der Zug meist wegen belegtem Bahnsteig auf der Rheinbrücke stehen bleibt, als existiere die Überbelegung einzig, damit die Passagiere einen ausgedehnten Blick auf dieses wunderschöne Panorama erhaschen können. Und die dritte Lieblingsstrecke führt durch Karlsruhe. Wer nämlich in Karlsruhe umsteigen muss und zumindest vierzehn Minuten Zeit hat, kann im Park gegenüber dem Bahnhof echte Flamingos bewundern. Aber meine allerallerallerliebste Strecke, die führt immer nachhause. Henry am Zug (c) Philipp Horak Letztes Jahr verpasste ich nach einer Lesung am 22.12. den letzten Flug von Hamburg nach Wien, weil die Hamburger S-Bahn die boshafteste Verbindung der Welt ist: die Linie teilt sich nämlich genau eine Station vor dem Flughafen auf, und nur die eine Hälfte des Zuges fährt dann tatsächlich weiter zum Flughafen. Ich saß natürlich im falschen Wagon, bekam das aufgrund meiner Kopfhörer nicht mit und musste eine zusätzliche Nacht in der Ferne verbringen. Im Zug (c) Philipp Horak Am 23.12. waren alle Flüge restlos ausgebucht, also eilte ich frühmorgens zum Bahnhof, bekam einen Platz im Zug nach Nürnberg, wo ich wiederum zwei Stunden festsaß, da aufgrund des Schnees nur eingeschränkter Bahnverkehr möglich war. Mit tränennassen Augen fürchtete ich, Weihnachten im Bahnhofshotel Nürnberg verbringen zu müssen, doch dann ließ der Schnee nach und es gab doch noch einen Zug nach Wien. Das war die wohl schönste Fahrt meines Lebens. Ich sah die ganze Reise hindurch aus dem Fenster, beobachtete das Schneetreiben und freute mich auf Zuhause, wo, wie ich vermutete, gerade der Christbaum geschmückt wurde, die Katze schon die ersten Kugeln zerstört hatte und die Last-Minute-Kekse im Ofen garten. Natürlich war die Realität gänzlich anders. Als ich ankam, hatten sich alle furchtbar zerstritten, die Katze den gesamten Christbaum umgestoßen und niemand hatte daran gedacht, Kekse zu backen. aber sich all das vorzustellen, dabei vom langsamen Ruckeln des Zuges eingeschläfert zu werden, war so idyllisch, dass es mich im Nachheinein gar nicht störte, nur davon geträumt zu haben.   Fotos: Philipp Horak
 
 
 
 

Vea Kaiser
ist Schriftstellerin und veröffentlichte 2012 ihren Debütroman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“, der Platz 1 der ORF-Bestenliste erreichte und Leser wie Presse gleichermaßen begeisterte. Im Mai 2015 erschien ihr neuer Roman „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“.
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