25.01.2015

Mit dem Laufrad durch Venedig


TRAVEL
Text — Otmar Kastner



 

Das Waldviertel ist zauberhaft, ein herrlicher Platz, um sich selbst zu begegnen. Venetien ist herrlich, ein zauberhafter Ort, um die Seele baumeln zu lassen. Was gibt es also Schöneres, als eine Reise zu unternehmen: Vater und Sohn, mit dem Zug vom Norden Österreichs nach Venedig...

  Es ist Sonntag, Sommer, und die Sonne strahlt heiß vom Himmel. Der kleine Bahnhof Irnfritz liegt verträumt an der Franz-Josefs-Bahn. Die eingleisige Strecke vom tschechischen Céske Velenice Richtung Süden verbindet das Waldviertel mit Wien. Wir reisen ohne Koffer, aber mit Rucksäcken. Es soll eine Abenteuerreise werden. Mein Sohn Tobias ist acht Jahre alt. Er hat entschieden, sein Laufrad mitzunehmen. Er nennt es seit fünf Jahren sein eigen und er liebt es nach wie vor, obwohl zu Hause sein Mountain-Bike steht. Das Laufrad ist klein und kann ohne Probleme als Gepäck dabei sein. Der Zug setzt sich in Bewegung, Wiesen und Wälder ziehen an den Fenstern vorbei. Mir hat ein Lokomotivführer einmal erzählt, dass die Franz-Josefs-Bahn bis zur Donau runter ständig bergab verläuft, das heißt, die Züge brauchen fast keinen Antrieb, sondern rollen mit dem Gefälle Richtung Süden. An das muss ich jetzt denken, als das Wald- ins Weinviertel übergeht und wir schließlich die Donaubrücke und Tulln erreichen. Ab Tulln wird die Landschaft anders. Die Ausläufer der Bundeshauptstadt Wien sind bereits zu spüren. Tobias und ich genießen die Fahrt an der Donau entlang. Der Blick aufs glitzernde, funkelnde, von der Sonne beschienene Wasser ist herrlich. Fährschiffe sind zu sehen und einige Motorboote flitzen über die Wellen. Nur mehr wenige Minuten und wir erreichen Wien. Die U-Bahn bringt uns zum Westbahnhof. Wir haben Zeit. In zwei Stunden startet der EuroNight 237 von Wien über Salzburg nach Venedig. Ausreichend Gelegenheit, um sich mit dem Gaumen auf einen kleinen Streifzug durch die kulinarischen Angebote zu begeben. Dann wird es Zeit, den Zug zu besteigen. Tobias und ich haben das Schlafwagenabteil Double gebucht. Ein Bett unten, eins oben, klar, wer oben liegt. Als der Zug aus dem Bahnhof rollt, ist Tobias bereits oben auf seinem Bett und blickt aus dem Fenster. Was für ein herrliches, entspanntes Gefühl, auf dem Bauch zu liegen, den Kopf auf die Hände gestützt, und draußen die Stadt vorbeiziehen zu lassen! Es dauert nicht lange und wir lassen uns vom gleichförmigen Geräusch des rollenden Waggons in den Schlaf wiegen.  

Frühstück mit Stil - (c) Otmar Kastner Frühstück mit Stil - (c) Otmar Kastner

Als wir aufwachen, wird es bereits hell. Papa, das muss schon Italien sein! , hör´ ich von oben. Tatsächlich, wir fahren gerade durch einen italienischen Bahnhof und die italienischen Schilder faszinieren Tobias. Ich denke mir: Es ist offensichtlich nicht mehr weit bis Venedig , als es klopft - Zeit fürs Frühstück. Frühstück mit Blick auf die vorbeiziehende italienische Landschaft, das hat Stil. Als die ersten Häuser der Vororte von Venedig auftauchen, packen wir unsere Sachen. Der Zug fährt ein in Venezia Santa Lucia. Wir steigen aus und verlassen den Bahnhof an der Vorderseite. Was für ein herrlicher Ausblick! Vor uns liegt die Stadt Venedig! Wir setzen uns für ein paar Minuten auf die Stufen vor dem Bahnhof und geniessen die Pracht der Häuser und die warmen Strahlen der Morgensonne auf unseren Gesichtern. Doch am meisten fasziniert uns das beruhigende Plätschern des Wassers und das Schaukeln der Boote direkt vor uns.  

Vor dem Bahnhof Venezia Santa Lucia - (c) Otmar Kastner Vor dem Bahnhof Venezia Santa Lucia - (c) Otmar Kastner

Venedig ist bestens versorgt mit Wasserbussen , das perfekte Busnetz der Stadt. Wir fahren zur Guidecca. Die Insel liegt abseits vom Trubel. Wie herrlich ist es doch, morgens am Wasser durch Venedig zu kutschieren. Wir beziehen unser Zimmer im Domina Home Giudecca, einem schönen, ruhig gelegenen, preisgünstigen Hotel. Dann geht´s auf Abenteuerreise. Es ist herrlich, auf der breiten Promenade zu flanieren. Auf der anderen Seite des Canale La Guidecca, der die Insel, auf der wir wohnen, von der Altstadt trennt, erkennen wir den Campanile, den berühmten Turm am Markusplatz. Wir beschließen, ein zweites Frühstück zu uns zu nehmen. Die Bar Ae Botti ist so richtig italienisch und liegt direkt an der Promenade.

Tobias auf dem Markusplatz - (c) Otmar Kastner Tobias auf dem Markusplatz - (c) Otmar Kastner

Es dauert nicht lange, bis Tobias Bekanntschaft schließt mit einem kleinen italienischen Jungen, er heißt Giacomo. Wie sich herausstellt, ist die Mutter des Jungen Italienerin, sie stammt von der Guidecca, der Vater aber ist Österreicher. Es entfaltet sich ein wunderschönes Gespräch. Wie ich erfahre, leiten die beiden ein Kunstforum, gleich um die Ecke, mit dem Namen Silos Art Inside Venezia. Mit Freude folgen wir der spontanen Einladung. Es erwartet uns ein Kunstgenuss abseits ausgetretener Pfade, den ich gerne weiter empfehlen kann. Als wir uns verabschieden, erhalten wir einige Hinweise für unser nächstes Ziel, dem Lido von Venedig. Der Lido ist der Strand der Venezianer und eine eigene Insel: die Fahrt mit dem Wasserbus dauert etwa 30 Minuten. Wir beziehen ein Hotel im Süden. Hier kann man mitten im Juli fernab von übervölkerten Stränden die Seele baumeln lassen. Wir genießen zwei herrliche und entspannte Tage - mit einem Laufrad in der Adria.

Am Lido - (c) Otmar Kastner Am Lido - (c) Otmar Kastner

Am dritten Tag endlich besuchen wir den Markusplatz. Ein faszinierendes Durcheinander von Cafes, Verkaufsläden, Touristen und Tauben erwartet uns. Die Hauptattraktion für Tobias: die Tauben. Wir füttern und machen Fotos, so wie alle anderen auch - bis ein überraschender Gewitterregen den Platz fast leert. Für uns ist das Gewitter der Anlass, um Richtung Bahnhof aufzubrechen. Denn auf uns wartet die Fortsetzung der Reise: mit dem Zug von Venedig weiter Richtung Süden.
 
 
 
 

Otmar Kastner
ist mit seinem Wirtschaftskabarett ein Meister des Lachens und der Begeisterung. Er provoziert, inspiriert und begeistert.
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