03.01.2016

Richtige Weichenstellung am Arlberg


TRAVEL
Text — Wilma Himmelfreundpointner



 

Die Weihnachtsfeiertage im Kreise der Familie sind wie immer im Flug vergangen. Verwandtschaftsbesuche, üppige gemeinsame Essen im Kreise der Familie, die durch die neu dazu gekommenen Partnerinnen meiner Neffen jedes Jahr grösser wird. So schön wie dieses Jahr haben wir schon lange nicht mehr gesungen. Und dieses Jahr sogar ohne die Unterstützung durch die Weihnachts-CD , wie einer meiner Neffen begeistert feststellte. Vier Tage im Kreise meiner Lieben. Und nun sitze ich glücklich im 1. Klasseabteil im Zug von Wels nach St. Anton am Arlberg.....

...Verspätetes Weihnachtsgeschenk an mich selbst. Zeit um meine Gedanken zu ordnen und die Bedeutung der Bahn in meinem Leben zu überdenken und niederzuschreiben. Das mag Ihnen vielleicht eigenartig erscheinen. Aber ja, ich bin überzeugt, die ÖBB sind mit verantwortlich für die richtige Weichenstellung in meinem Leben. Und warum das? Aufgewachsen in Wels, nach Tourismusschule und mehreren längeren Sprachaufenthalten im Ausland wollte ich vor über 30 Jahren eine Saison in einem renommierten Wintersportort arbeiten. Bewerbungen wurden in die Hochburgen des Wintertourismus geschickt. Rasch kamen mehrere Einladungen zu Vorstellungsgesprächen aus verschiedenen namhaften Orten. Und wohin ging es zuerst? Natürlich dort hin, wo der Zug hinfährt. Nach St. Anton am Arlberg, diesem weltbekannten Ort, der mir bereits durch Karl Schranz ein Begriff war. Meine Absicht, meine Bahngeschichte während dieser Fahrt niederzuschreiben, wurde nun zwischen Salzburg und Innsbruck unterbrochen. Warum wurde mein Arbeitseifer unterbrochen? Ein blinder Mann aus Texas mit Frau und seiner Tochter kamen in mein Abteil, genau so wie die 24-jährige Melissa aus Solo (Zentraljava/Indonesien), die mit ihrer 8-köpfigen Familie mit dem Zug nach Venedig unterwegs ist. Welch wunderbares Erlebnis, diese Menschen, die begeistert mit der Bahn durch unser Land reisen, kennenlernen zu dürfen, ihre Eindrücke zu hören und ihnen auch von meinem St. Anton am Arlberg vorschwärmen zu können. Zurück zu meiner "Lebensbahngschichte" - das erste Vorstellungsgespräch hatte ich an einem wunderschönen aber schon recht frischen Herbsttag im Hotel Post, einen Steinwurf vom 1884 erbauten Bahnhof in St. Anton am Arlberg. Weiter sollte ich gar nicht kommen denn nach dem ersten Interview dauerte es nur kurze Zeit, bis ich die Zusage für die Stelle als Receptionistin in diesem altehrwürdigen Hotel bekam. Alle anderen Angebote abseits der direkten Zugverbindung in meine Heimat waren kein Thema mehr. Nur kurze Zeit später startete ich meine erste Wintersaison in St. Anton am Arlberg. Bereits nach der ersten Woche spürte ich, dass dies der richtige Platz für mich ist. St. Anton am Arlberg ist ein kleines Tiroler Bergdorf mit ca. 2500 Einwohnern auf 1304 Meter gelegen, in das Gäste aus der ganzen Welt kommen. Das Skigebiet geht rauf bis 2.811 m. Nicht nur die Gäste sondern auch die Mitarbeiter kommen aus allen Ecken der Welt. Ich war begeistert. Viele unserer internationalen Gäste landeten in Innsbruck oder Zürich, und ich kann mich noch gut an eine Begebenheit erinnern, als an einem "Anreisesamstag" einer unserer amerikanischen Gäste verzweifelt im Hotel anrief und mir erklärte, dass er St. Anton am Arlberg versäumt hätte und nun in "Ankunft" sei und ob ich nicht einen Transfer für ihn organisieren könnte. War er in Landeck oder Langen angekommen, das war die Frage. Blick auf Galzig von den Schindlerhängen Für mich war es immer wichtig, zu wissen, dass ich die Möglichkeit habe, hinters Haus zu gehen und in den Zug steigen zu können und rauszufahren. Der Arlberg ist ja grundsätzlich für seine schneereichen Winter (durchschnittlich 7 Meter Schneefall) bekannt, auch wenn er dieses Jahr mit ziemlicher Verspätung gekommen ist. In den über 30 Jahren, in denen ich nun in St. Anton am Arlberg lebe, kann ich mich an drei Winter erinnern (1988, 1999, 2012) in denen aufgrund der großen Schneemengen auch der Zugsverkehr für kurze Zeit beeinträchtigt war. Ungefähr auf halbem Weg mit der Bahn zwischen Paris und Wien leben zu dürfen, ist ein absolutes Privileg. Aus einer Wintersaison am Arlberg wurden acht - die Sommersaisonen nützte ich zum Reisen, die Einladungen unserer Wintergäste anzunehmen, Sprachen zu lernen und die Welt zu erkunden. An einen Sommer am Arlberg hatte ich nie gedacht, ich stellte mir das langweilig vor. Alle mit denen ich am Weg war, waren im Sommer irgendwo, aber bestimmt nicht in St. Anton. Es dauerte einige Jahre als ich am Rückweg mit dem Zug von meinem Sprachaufenthalt in Spanien im September einen Stopp in St. Anton einlegte - und ich weiß es noch wie heute, wie begeistert ich war, mit meiner Freundin auf eine der bewirtschafteten Hütten zu wandern und das Gefühl zu haben, in einem Tiroler Bergdorf zu sein, wo man das Dorfleben noch so richtig spürt. Heute kann ich gar nicht mehr sagen, welche Saison ich bevorzuge das sommerliche eher beschauliche St. Anton mit Wandern, Mountainbiken, vielen Veranstaltungen und Festen oder das internationale Flair im Winter. Durch mehrere glückliche Fügungen bekam ich vor über 20 Jahren die Position angeboten, die mich schon zu meiner Zeit als Receptionistin interessiert hatte, das Marketing und die Presse von St. Anton am Arlberg übernehmen zu dürfen. Und nach all diesen Jahren, macht es mir noch immer sehr große Freude, diesen Tiroler Ort weltweit vertreten zu dürfen. Winterstimmung beim Schneeschuhwandern oberhalb von Pettneu Auch wenn ich Freunde aus Städten habe, die sich nicht vorstellen können, in so einem kleinen Ort zu leben, möchte ich mit keinem tauschen. Wer kann schon an einem richtig tief verschneiten Wintertag mit dem Schlitten ins Büro rodeln? Auch wenn meine jungen Kolleginnen dann etwas verduzt schauen, wenn ich wie ein "Scheemanderl" vor der Bürotüre stehe. Oder bei schönem Wetter in der Mittagspause auf die 2811 m hohe Valluga zu fahren, wo ich immer wieder Gänsehaut bekomme, wenn ich die Bergspitzen von fünf Ländern sehe? Fast an die 100 Lifte kann ich mit dem Arlberg-Liftpass nützen, die 350 km präparierte Pisten erschließen. Das wäre so, als würde ich von St. Anton am Arlberg bis ungefähr Wels bergab fahren. Und für alle Off-Piste Freaks ist der Arlberg das absolute Mekka, die dann am besten mit lokalen Guides unserer Skischulen diese unberührten Hänge erkunden. Oder an einem sonnigen Frühlingstag einige Abfahrten am Rendl genieße bevor ich einen Powernap in einem der Liegestühle mache. Immer mehr schätze ich es auch, meine Fitness auf den 40 km langen Loipen zu stärken. Ja, und auch das Angebot im ARLBERG-well.com mit seiner großzügigen Saunaanlage und dem 25 m geheizten Außenpool ist für mich eine weitere Energietankstelle. Es gäbe noch so viel zu berichten, von sportlichen wie auch kulturellen Veranstaltungen. Vor allem im neu errichteten Arlberg1800 in St.Christoph, gibt s nicht nur klassische Konzerte sondern auch Jazzabende, Kabarettvorführungen, Lesungen und Stars wie Chris de Burgh, Art Garfunkel und Reinhard Fendrich, die im sehr intimen Rahmen auftreten. Also, ich kann alle diejenigen beruhigen, die Angst haben, ich versauere hier, nein ganz im Gegenteil. St. Anton am Arlberg ist ein Treffpunkt für sportliche Gäste aus der ganzen Welt. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich hier leben darf und nur ein paar Schritte zum Bahnhof habe um in kürzester Zeit mit dem Railjet in Innsbruck, Salzburg, Wien oder Zürich zu sein. Darum bin ich überzeugt, dass die ÖBB die Weichen für mein Leben in die perfekte Richtung gestellt haben.
 
 
 
 

Wilma Himmelfreundpointner
ist stellvertretende Direktorin des Tourismusverbandes St. Anton am Arlberg und wurde in Blogbeitrag # 13 von ihrem Namenskollegen Rainer Himmelfreundpointner portraitiert. Jetzt kommt sie selbst zu Wort.
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