24.01.2016

Alpenüberquerung fussfrei


TRAVEL
Text — Lea Hajner



Es ist das erste Mal, dass ich für eine Alpenüberquerung a) keine Wanderschuhe einpacke und b) extra dafür anreise. Von Graz nach Zürich fährt einmal täglich - und einmal nächtlich - ein Direktzug mit einem Panoramawagen in der ersten Klasse. Meine Version der Alpenüberquerung für heute, denn die Fahrt soll später ein Artikel werden.

Es gibt zwei Transportmittel, die ich nicht mag: Fähren (laut, klebrig und unbequem) und Fernbusse. Letzteres liegt vermutlich an den 17 Fernreisebusfahrten, die ich mit 22 innerhalb von fünf Monaten quer durch Süd-Ostasien gemacht habe. So verliert man ganz schnell die Scheu gegenüber fremden Menschen, die sehr nahe an - oder über einem - liegen, schnarchen, essen oder japanische Filme mit chinesischen Untertiteln schauen. Und irgendwann zwischen Busfahrt 10 und 11 hab ich auch die Sehnsucht nach fernen Orten verloren, die mit Bussen zu erreichen sind. Ich fliege also gerne und ich fahre gerne Bahn. Allerdings bin ich niemand der wegen einer Bahnfahrt selbst oder einem bestimmten Wagon in den Zug steigt. Bei mir geht es grundsätzlich immer noch darum von A nach B zu kommen. Als ich nun frühmorgens für den Artikel von Wien in den Süden reise, kann ich mir unter Panoramawagen noch nicht viel vorstellen. Die Autorin in mir hofft inständig auf irgendetwas, was diese Fahrt besonders machen wird, damit dann daraus eine gute Story wird. Gute Sitznachbarn und angeregte Gespräche vielleicht.

Panoramwagen Graz - Zürich (c) Lea Hajner Panoramwagen Graz - Zürich (c) Lea Hajner

Der erste Klasse Wagen befindet sich ganz vorne im Zug und ist zu meiner Freude nur halbvoll. Die Fenster sind riesig und nach oben hin gebogen. Der gesamte Wagen ist lichtdurchflutet und ich suche mir den besten Platz aus: allein an einem Vierer-Platz, zwei (rechts und links) Fenster nur für mich und meine Kamera alleine. Herrlich.

Lea Hajner im Panoramwagen (c) Lea Hajner Lea Hajner im Panoramwagen (c) Lea Hajner

Ich mache es mir bequem und beobachte wie sich die Landschaft immer weißer färbt. Der frische Schnee glitzert auf den Feldern und die Berge strahlen hinter Büschen und Bäumen hervor. Im Nu vergehen zwei, drei Stunden. Ich verfolge gebannt die Landschaft, sehe spazierende Mütter auf Feldwegen mit Kinderwagen und verschneite Ortschaften. Je weiter wir vordringen umso dicker wird die Schneedecke und umso malerischer die Landschaft. Wie ein Gemälde, das wir gerade durchfahren. Ein älteres Ehepaar nimmt bereits in Selzthal, wo der Zug übrigens wieder verkehrt abfährt (Sitzplatzwahl!), hinter mir Platz. Schon bei den ersten Worten, die die beiden wechseln ist mir klar: das ist meine Geschichte. Ich taufe sie Herr und Frau Maier. Frau Maier: Foart da Zug über Innsbruck a? Herr Maier: Ja Schatz, wenna aber doch Zürich fahrt Frau Maier: Na, ob a über Innsbruck faort wü I wissen. Keine gscheide Antwort von dia! Herr Maier: Ok Schatzerl, Innsbruck liagt auf da Strecke Sie, etwas hartnäckiger: Oba des heißt ja net, dass er über Innsbruck fahren muss. Er schweigt. Sie: Brachst ned gscheid reden. Jetzt interessiert s mi a nimmer! Sie setzt sich auf die andere Seite und blättert den Fahrplan auf: Joa, Innsbruck fahrt der. Ich habe also Glück. Frau Maier erweist sich als Expertin für Fragen aller Art und vor allem als wachsame Beobachterin. Schau, Pferdeln! sagt beispielsweise Frau Maier, die gottseidank in Fahrtrichtung vor mir sitzt und die Tiere somit Sekunden früher erspäht hat. Und weiter geht die Fahrt entlang der Salzach durch immer schmäler werdende Täler. Schau, es schneibt! Auch da hat Frau Maier recht. Ab Radstadt wird die Winterlandschaft in einen weißen Schleier getaucht und langsam meldet sich auch mein Magen zu Wort. Hunger! Ich bestelle mir gebackene Hühnchen Streifen mit Salat. Ja, bestelle. Wenn ich schon mal erste Klasse fahre, muss ich das natürlich auch ausnützen und so nicht einmal meinen Platz verlassen für die Bestellung. Mit einer Extraportion Ketchup schmeckt das Mittagessen vorzüglich und selbst Frau Maier scheint es mit einem schielenden Blick auf meinen Teller für gut zu befinden. Jedenfalls bestellen die zwei darauf hin auch einen, zum Teilen.

Gebackene Hühnchen Streifen aus dem Bordbistro (c) Lea Hajner Gebackene Hühnchen Streifen aus dem Bordbistro (c) Lea Hajner

Als ich aussteige, Frau und Herr Maier freundlich zunicke und meinen Laptop zusammenklappe, stelle ich fest, dass ich ihn eigentlich kaum verwendet habe. Statt dessen ist die Speicherkarte meiner Kamera voll mit Fotos. Und noch nie habe ich eine Bahnfahrt so bewusst erlebt. Fast als wäre ich zu Fuß gegangen. Wenn also der Weg das Ziel ist, dann für mich bitte nur mehr im Panoramawagen!
 
 
 
 

Lea Hajner
ist Reisejournalistin. Sie mag schöne Geschichten aus fernen Ländern. Und sie erzählt gerne schöne Geschichten, mal aus der Ferne mal aus der unmittelbaren Umgebung. Es sind  Geschichten vom Reisen, vom Fernweh, von schönen Begegnungen und abenteuerlichen Ausflügen in die Natur.
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